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Kopierschutz-Hersteller will Online-Magazin einschüchtern

Ein Artikel im Online-Magazin "Boing Boing" hat den PR-Chef des russischen Kopierschutzherstellers StarForce dazu provoziert, wüste Drohungen gegen einen Gründer des Magazins auszustoßen. Dennis Zhidkov von StarForce behauptet, der fragliche Artikel stecke "voller Beleidigungen, Lügen, falschen Anschuldigungen und Gerüchten" und verstoße gegen elf internationale Gesetze. StarForce werde Klage erheben und habe auch bereits das FBI eingeschaltet.

Boing Boing beschreibt sich als "ein Verzeichnis wunderbarer Dinge". Der Mitgründer der Webzine, Cory Doctorow, war bis vor kurzem Mitglied der Electronic Frontier Foundation (EFF) und informiert seine Leser oft über Mechanismen zur digitalen Nutzungskontrolle. Die wenigsten Geschichten auf Boing Boing sind selbst recherchiert, die Mehrzahl basiert auf Hinweisen aus der Leserschaft.

Ursache für den Ausbruch des PR-Managers war ein Artikel über den Spiele-Kopierschutz StarForce, in dem die Kopiersperre als "Anti-Kopier-Malware" bezeichnet wird. Als Malware versteht man für gemeinhin unerwünschte Anwendungen auf dem Rechner wie Viren, Trojaner und Spyware. Möglicherweise befürchtet Zhidkov ein ähnliches PR-Debakel, wie es das Platten-Label Sony BMG mit seinem als "Rootkit" klassifizierten CD-Kopierschutz erlebt hat.

Die Spiele-Kopiersperre StarForce ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits erfüllt das System die von der Unterhaltungsindustrie erwünschte Aufgabe: Seit Jahren entzieht sich die Sperre den meisten Emulationsversuchen. Andererseits muss der Spieler in Kauf nehmen, dass der Kopierschutz ohne Vorwarnung ein Treiber-Triade in das System einklinkt. Bei der Deinstallation entfernt nicht jedes Spiel die StarForce-Treiber.

In den Anwenderforen von Spieleherstellern, die auf StarForce setzen, tauchen immer mal wieder Berichte über Probleme mit der ausgefeilten Kopiersperre auf. Die Website "Boycot Starforce" geht jedoch einen Schritt weiter. Dort behauptet Laurent Raufaste, StarForce beeinträchtige die Systemstabilität und begünstige Trojaner.

Konkret schildert Raufaste, StarForce würde zum Verlust von Datenpaketen führen. Dies interpretiere Windows XP als Übertragungsfehler, woraufhin das System die IDE-Transferrate stetig herabsetzt. Dies könne bis zu einem Rückzug in den 16-Bit-Kompatibilitätsmodus gehen, was bei CD/DVD-Brennern bisweilen sogar zu Hardware-Schäden führe. Weiterhin beschreibt Raufaste, die StarForce-Treiber würden minderprivilegierten Code mit System-Privilegien ausstatten können. Dies könnten sich Viren oder Trojaner zunutze machen, die StarForce als Backdoor ins System ausnutzen. Raufaste führt für keine der beiden Behauptungen konkrete Belege an.

Der Stein des Anstoßes, das Posting auf Boing Boing, zitiert die explosivsten zwei Absätze der Website "Boycot Starforce", die auch eine Liste der mit StarForce geschützten Spiele führt. Dort findet sich auch eine Anleitung, anhand derer Anwender feststellen können, ob sich die StarForce-Treiber bereits ihrem System eingenistet haben. Wer diese nicht mehr benötigt, kann sie über ein von StarForce bereitgestelltes Entfernungswerkzeug aus dem System entfernen.

Dennis Zhidkov von StarForce hat sich schon öfter mit lautstarken Worten gegen Kritik an seinem Kopierschutz gewehrt. Bis auf weiteres steht sein Wort gegen das der Kritiker. Bislang existiert noch keine tiefgreifende Analyse der StarForce-Kopiersperre, bei der die russischen Treiber auf Sicherheitsrisiken abgeklopft worden wären. Eine solche Analyse erschwert StarForce auch dadurch, dass sich die Treiber systematisch gegen den Einsatz von Debuggern sperren.

StarForce steht mit seiner Strategie bei weitem nicht alleine – andere Kopierschutzverfahren nutzen ähnliche Mechanismen. So setzen etwa die Grafik- und Web-Design-Anwendungen von Adobe und Macromedia auf Software-Kopiersperren von Macrovision, die Treiber ins System einklinken und während der Ausführung der geschützten Programme Phantomprozesse in den Arbeitsspeicher laden. (ghi)

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