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Kratzer am SAP-Image

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Das glänzende Image von Europas führendem Softwarehaus SAP hat Kratzer bekommen. Bislang galt der deutsche Weltmarktführer für Unternehmenssoftware als Vorzeigeunternehmen. Nach dem Eingeständnis, dass eine Tochterfirma in den Datenbanken des Erzrivalen Oracle gewildert hat, gerät SAP im erbitterten Konkurrenzkampf mit dem US-Unternehmen in Bedrängnis. Negative Auswirkungen auf den bereits seit Monaten schwächelnden Aktienkurs sind genauso wenig auszuschließen wie der Verlust von Kunden und Strafzahlungen.

Im Kampf um die Softwarekrone hatte SAP-Chef Henning Kagermann bislang immer seinem Managerkollegen Larry Ellison die Rolle des bösen Buben zugeschrieben: Der extrovertierte Segelfreak schmeiße mit Geld nur so um sich und erkaufe sich durch die Übernahme zahlreicher Konkurrenten seinen Erfolg. SAP erwirtschafte dagegen seine Gewinne aus eigener Kraft und die Entwicklung innovativer Softwarelösungen.

Zum Jahresauftakt schien es auch so, dass die SAP-Strategie weiter aufgehen wird. Der DAX-Konzern startete verheißungsvoll mit zweistelligen Zuwachsraten und punktete im ersten Quartal vor allem auf dem Heimatmarkt des US-Rivalen. Der Return des Oracle-Chefs ließ jedoch nicht lange auf sich warten: Für das abgelaufene Geschäftsjahr 2006/07 legte der US-Konzern jüngst Steigerungen von Umsatz und Gewinn von einem Viertel vor. Dazu kündigte der zu den fünf reichsten Männern der Welt zählende Milliardär an, weitere Softwarehäuser zu kaufen.

Dass die Industriespionageaffäre SAP bereits im zweiten Quartal durch Umsatzrückgänge zu schaffen machen wird, ist nicht zu erwarten. Auf Ergebnisseite sowie beim Ausblick könnte es aber Bewegung geben. SAP-Chef Kagermann kündigte am Dienstag an, bei der Vorlage der Halbjahreszahlen am 19. Juli Angaben über Rückstellungen zu machen. Dabei ist derzeit noch völlig offen, ob das Vorgehen von SAP tatsächlich als Diebstahl geistigen Eigentums von der US-Justiz gewertet wird und wie hoch dann eine mögliche Strafe ausfallen würde.

Der 59-Jährige hatte zuvor eingeräumt, dass die SAP-Tochter TomorrowNow Wartungsdokumente des US-Konkurrenten in "unangemessener Weise" von der Oracle-Internetseite heruntergeladen hat. Die Muttergesellschaft habe aber keinen Zugang zu diesen Downloads gehabt und damit auch keinen Diebstahl geistigen Eigentums begangen. Genau das wirft Ellison dem deutschen Weltmarktführer aber vor. Dass nach dem reumütigen Auftritt von Kagermann nun Milde aus dem kalifornischen Redwood Shores kommt, ist jedoch nicht zu erwarten: "Wir freuen uns auf den Prozess", hatte der Oracle-Boss erst jüngst verlauten lassen.

Am 4. September sollen die weiteren Schritte in dem Verfahren vor dem Bezirksgericht in San Francisco besprochen werden. Bis dahin will die Walldorfer Softwareschmiede der US-Justiz zahlreiches Material zur Verfügung stellen, um die Vorwürfe zu entkräften, das Unternehmen habe sich wiederholt unerlaubt Zugang zu einer Kundenbetreuungs-Website verschafft und von dort tausende Softwareprodukte sowie anderes vertrauliches Material heruntergeladen.

Die SAP-kritischen Börsianer reagierten nach dem Geständnis derweil wie erwartet. Die Papiere verloren am Dienstag 2,13 Prozent auf 37,18 Euro und rutschten ans DAX-Ende. Damit setzt sich der Negativtrend der vergangenen Monate fort: Seit Jahresbeginn ist der SAP-Kurs zeitweise um bis zu zwölf Prozent abgesackt.

Industriespionage: Aggressiver Wettbewerb mit illegalen Mitteln

In Zeiten von Globalisierung und verschärftem Wettbewerb spähen manche Unternehmen systematisch ihre Konkurrenten aus. Dabei beschaffen sie sich technisches Know-how, um eigene Kosten für die Entwicklung zu sparen. Oder sie kopieren Fertigungstechniken, um kostengünstig abgekupferte Güter zu produzieren. Betroffen sind große und kleine Firmen aller Branchen, die Hochtechnologie entwickeln und vertreiben. Allein in Deutschland wird der jährliche Schaden auf mindestens acht Milliarden Euro geschätzt.

Die meisten Fälle von Industriespionage dringen nicht in die Öffentlichkeit. Zu den Ausnahmen gehören Vorwürfe an China, weil es angeblich westliche Technik wie etwa bei der Magnetschwebebahn ausspäht. Eine heftige Auseinandersetzung gab es 2003 zwischen den US-Rüstungskonzernen Lockheed Martin und Boeing. Damals ging es um einen Raketenauftrag der amerikanischen Luftwaffe. Vor Jahrzehnten gab es Gerüchte um das russische Überschall-Flugzeug TU-144, das der französisch-britischen Concorde sehr ähnelte.

Moderne Industriespione belauschen Telefonate, fangen E-Mails ab und dringen in fremde Computersysteme ein – meist ohne Spuren zu hinterlassen. Mitunter werden "Quellen" bei der Konkurrenzfirma eingeschleust oder dort Schnüffler angeworben. Große Konzerne unterhalten nicht nur einen Werkschutz, sondern eigene Sicherheitsabteilungen zur Abwehr von Informationsräubern. Im deutschen Mittelstand bestehe jedoch noch großer Handlungsbedarf, befand die Berliner Arbeitsgemeinschaft für Sicherheit der Wirtschaft (ASW) kürzlich.

Bei Attacken auf Firmengeheimnisse arbeiten private Spione oft im Schulterschluss mit Geheimdiensten. In Deutschland sind dies nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes vor allem Dienste aus Russland, China und einigen "Krisenländern". Auch beim US-Fernmeldesystem Echelon wird die Nutzung zur Wirtschaftsspionage im Interesse heimischer Unternehmen nicht ausgeschlossen. Frankreich hat nach Darstellung eines Sicherheitsberaters der Regierung "begriffen", dass auch die heimischen Unternehmen nach dem Verlust von Marktanteilen so vorgehen müssten. (Bernd Glebe, dpa) / (jk)