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Kriminologe: Amokläufer schießen sich am Computer in Stimmung

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Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN), sieht in einem Interview mit der Passauer Neuen Presse in Deutschland keine Gefahr der stärker werdenden Selbstbewaffnung von Jugendlichen mit Schusswaffen in Deutschland. "Wir haben ein gutes Waffenrecht, das nach dem Amoklauf von Erfurt 2002 deutlich verschärft worden ist." Größere Sorge bereite ihm, "dass sich vor allem männliche Jugendliche systematisch desensibilisieren durch Computerspiele, die solche Tötungsarien vorzeichnen".

Die Mehrheit der jüngeren Amokläufer habe sich erst am Computer in Stimmung geschossen, meint Pfeiffer. "Ich plädiere deshalb bei gewaltverherrlichenden Killerspielen für ein Werbe- und Verkaufsverbot. Für Spiele mit extremen Gewaltexzessen wie Der Pate, bei denen aggressives Töten mit Punkten belohnt wird, brauchen wir sogar ein strafrechtliches Verbot."

Im Falle des Amokläufers von Blacksburg, der am Montag an der polytechnischen Hochschule Virginia Tech 32 Studenten und Lehrkräfte und sich selbst erschoss, ist ein Zusammenhang zwischen gewaltverherrlichenden Videospielen und der Tat nicht erwiesen. Kurz nach der Tat wurden im US-Fernsehen lediglich schnell unbewiesene Zusammenhänge in den Raum gestellt und ein allgemeines Klima der medialen Gewaltverherrlichung heraufbeschworen. Belegt scheint vielmehr, dass der Schütze gewalthaltige Kurzdramen verfasst hatte. Am Computer habe er sich meist Musik und anderes heruntergeladen.

Beim Erfurter Amok-Läufer Robert Steinhäuser, der vor fast genau vier Jahren 16 Schüler und Lehrer und sich selbst tötete, wurde ein Zusammenhang mit so genannten Killerspielen geknüpft, da Steinhäuser den Ego-Shooter Counter-Strike gespielt haben soll. In den darauffolgenden Diskussionen und in der Debatte um ein Verbot von "Killerspielen" hat sich der Kriminologe Pfeiffer immer wieder öffentlich geäußert. Sein Institut wurde voriges Jahr September vom niedersächsischen Innenminister mit der Überprüfung der Altersfreigabe von PC-Spielen beauftragt.

Während die Tat Steinhäusers seinerzeit anscheinend aus scheinbar "heiterem Himmel" geschah, deuten erste Erkenntnisse darauf hin, dass der Amokläufer von Blackburg zuvor bereits durch Gewaltfantasien auffällig geworden ist. Er habe sich aber professioneller Hilfe entzogen. Seine Theaterstücke seien rechtlich nicht zu beanstanden gewesen, da sie dem in der US-Verfassung verbrieften Recht auf Meinungsfreiheit unterliegen, heißt es in US-Medien. Der Massenmörder von Blacksburg dürfte aber dennoch mit Steinhäuser und vielen anderen Amokläufern, die sich meistens schließlich selbst entleiben, gemeinsam haben, dass sich die Gesellschaft erst nach ihren Taten intensiv um sie kümmert.

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