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Kritik an ENUM-Strategie der DSL-Provider

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"DSL-Provider und die Deutsche Telekom machen sich daran, die logische Weiterentwicklung des Internet auszubremsen", meint der Vorstand des Münchner Internet-Service-Providers Spacenet AG, Sebastian von Bomhard. Statt über die Nutzung von ENUM – öffentlich im Domain Name System abgelegten Telefondomains – mehr Gespräche übers Internet zuzulassen, blockierten dies die Branchengrößen, um weiter Gesprächsminuten abrechnen zu können. Von Bomhard ist auch Aufsichtsratsvorsitzender beim Denic, der seit dem Frühjahr offiziell ENUM anbietet und bislang rund 30.000 Einträge verzeichnet. ENUM erlaubt die Registrierung von Telefonnummern als Domains und erleichtert damit das Routing von Gesprächen übers Internet, es wird generell als Brückentechnologie zwischen Internet und Telefonwelt bezeichnet.

"Die Telekom will nun offenbar ihr ENUM-Engagement zurückfahren", kritisierte von Bomhard gegenüber heise online. Die Registrierung neuer ENUM-Domains ist derzeit tatsächlich nicht möglich. Ende 2005 hat die T-Systems Neuregistrierungen für ENUM-Domains erst einmal eingestellt. Auch ein Blick auf das Diensteangebot der T-Com-Seite, die den ENUM-Dienst mit der Einführung des Wirkbetriebs durch die Denic von der T-Systems übernommen hat, ergibt derzeit keinen Treffer: Fortsetzung ungewiss.

Man könne die Strategie der Telekom durchaus verstehen, so von Bohmhard: "Die Carrier treibt die Befürchtung um, dass ihnen Gesprächsminuten in dem Maß wegbrechen, in dem Gespräche 'on net' geführt werden." Es sei daher klar, dass die Carrier durch Flatrate-Angebote versuchten, den Kunden das Nicht-Wechseln schmackhaft zu machen.

Große DSL-Provider wie 1&1, Web.de und Freenet versuchten nun ebenfalls, die Kunden in der eigenen Wolke zu halten, um an den Terminierungsgebühren zu verdienen, schätzt von Bomhard die Lage ein. Es finde eine proprietäre Weitergabe von VoIP-Gesprächen zwischen einzelnen Providern statt. Auch weiterhin würden Gespräche damit teuer über das Festnetz geführt, obwohl beide Teilnehmer VoIP nutzten und sich gegenseitig problemlos erreichen könnten. "Dabei bietet gerade ENUM eine Chance für die Bürger, sich von den Carriern zu emanzipieren."

In diesem Zusammenhang wundert sich von Bomhard auch über die Politik von Anbietern wie AVM. Deren Fritzbox könne ENUM eigentlich schon, allerdings werde es dem Nutzer nicht bedienerfreundlich angeboten. Ein Sprecher von AVM hatte nach dem jüngsten ENUM-Tag die Einrichtung der ENUM-Funktionalität bei der Box als "Hack" bezeichnet. Bei AVM habe es zum ENUM-Thema seither keine Änderung gegeben, teilte ein Firmensprecher auf Anfrage von heise online mit. Allerdings habe man mit ENUM-Vertretern gesprochen und bleibe am Thema dran.

Dabei könnten bei der Netztelefonie, die mit wachsender Zahl angeschlossener ENUM-Teilnehmer interessanter wird, auch kleinere Provider durchaus mitmischen. Bei entsprechender Ausnutzung der Technologie könnten Endkunden ihre Gespräche weltweit für Pfennigbeträge abwickeln. Inzwischen seien sogar Gesprächsteilnehmer jenseits des Atlantik per ENUM erreichbar, erläutert von Bomhard. Denn auch in den langsam gestarteten USA kommt ENUM nun in Schwung und selbst die bulgarische Internet Society meldet soeben, dass man die Delegation für die ENUM-Registry erhalten habe.

Viele Unternehmen nutzten übrigens intern oder über mehrere Standorte hinweg schon ENUM zur Verringerung ihrer Gesprächskosten, so von Bomhard. Die Technik sei ausgereift und eine gute Sache. Auch die Spacenet AG bietet den eigenen Kunden den ENUM-Eintrag bei der Denic an, und zwar als kostenlosen Zusatzdienst. Ein reines ENUM-Produkt wolle man nicht anbieten, auch weil nach der reinen Lehre mit Eintrag und Gesprächen eben nicht viel Geld zu verdienen ist. Von Bomhard kann sich allerdings vorstellen, dass reine ENUM-Provider ohne eigene Netze künftig Kunden mit speziellen "ausgebufften" ENUM-Zusatzfeatures bedienen werden. "Das wird es sicher geben." (Monika Ermert) / (anw)