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Kritischer Standpunkt: Wie offen ist Wikipedia?

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Auf der Konferenz Wikipedia - ein kritischer Standpunkt in Leipzig diskutieren Forscher verschiedener Wissenschaftsbereiche an diesem Wochenende die Funktion und Entwicklungen in der Online-Enzyklopädie Wikipedia. Am ersten Tag standen die Wikipedia als Politikum und die Politik in der Wikipedia im Vordergrund. Der Direktor der Leiziger Universitätsbibliothek Ulrich Johannes Schneider sieht in der Online-Enzyklopädie eine zwangsläufige Folge: "Enzyklopädien wollten immer ins Internet – in Büchern waren sie eigentlich immer falsch aufgehoben." Viele Probleme der Wikipedia seien aber keineswegs neu. So stritten bereits Pioniere wie Denis Diderot und Johann Heinrich Zedler darum, welche Artikel sie in ihre Werke aufnehmen wollten und wie das Wissen zu organisieren sei. Gemeinsam sei den Enzyklopädien jedoch die Orientierung am Leser: "Diese Werke bemühen sich, das Wissen auf eine gleichmäßige Entfernung zum Benutzer zu bringen." Zentral für den Erfolg und Fortbestand der Enzyklopädien sei immer die Publikumsbindung.

Dass diese Publikumsbindung kein Selbstläufer ist, betonte Felix Stalder in seinem Vortrag. So entdeckte er bei der Wikipedia die Tendenz, dass sich die engagierten Aktivisten von der Außenwelt abschotten. Allerdings seien solche Tendenzen bei allen Open-Source-Projekten zu beobachten. Während Wikipedia von vielen inzwischen auch als "Frustrationsmaschine" angesehen werde, habe die Plattform den Vorteil, dass Konflikte und Probleme für alle sichtbar blieben. Während bei kommerziellen Projekten wie beispielsweise Facebook der Nutzer als Produkt behandelt werde, spielt dieser Aspekt bei Wikipedia keine Rolle. Wikipedia wurde 2001 zu einem Zeitpunkt gegründet, als nach dem Platzen der Dot-Com-Blase kaum Geld zur Verfügung stand. "Heute wird Wikipedia in dieser Form wohl nicht mehr gegründet", meint Stalder. Gleichzeitig sorge die Spendenfinanzierung dafür, dass die Wikimedia Foundation sich darum bemühen müsse, die Frustration der Nutzer gering zu halten. Um dies zu erreichen, plädiert der Wiener Forscher dafür, die Eingriffsmechanismen mehr zu formalisieren, um neuen Nutzern mehr Sicherheit zu vermitteln.

Christian Stegbauer diagnostizierte einen Paradigmenwechsel in der Wikipedia-Community. Während in den Anfangsjahren die Befreiungsideologie im Vordergrund gestanden habe, sei nun die Produktideologie an die erste Stelle gerückt: Statt sich darauf zu konzentrieren, das Wissen aus den klassischen Hierarchien und von den Urheberrechten zu befreien, stehe nun der qualitative Wettbewerb mit anderen Enzyklopädien im Vordergrund. Folge dieser unvermeidlichen Entwicklung sei, dass Wikipedia für neue Nutzer deutlich weniger attraktiv ist. So hätte kaum ein neuer Nutzer Chancen darauf, in die Riege der Administratoren vorzustoßen. Stegbauer befürchtet eine Negativspirale der Motivation neuer Mitarbeiter. Diese These stieß indes bei einigen Teilnehmern der Konferenz auf Widerspruch: Wikipedia habe sich nicht von der ursprünglichen Idee abgewendet, sondern habe sich lediglich im Laufe der Zeit konsolidiert. (Torsten Kleinz) / (ea)

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