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Kritischer Standpunkt: Wohin mit dem Wissen?

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Die Online-Enzyklopädie Wikipedia hat den Umgang mit Wissen verändert – doch wie soll man damit umgehen? Auf der Konferenz Wikipedia - ein kritischer Standpunkt in Leipzig debattierten Forscher und Wikipedianer über die Zukunft des Wissens. Die Kunsthistorikerin Gabriele Blome warb für neue Zugangsformen zum Wissen. Statt sich alleine auf vertikale Denkprozesse zu konzentrieren, die linear verlaufen, solle viel mehr das laterale Denken der Leser aktiviert werden, das mehr sprunghaft verlaufe und keine Grenzen kenne. "Man muss zum Teil auch irren können, um zum Ziel zu kommen", beschreibt die Wissenschaftlerin dieses Konzept. Von Wissensspeichern, die auf Stichwortsuche aber nur sehr spezielle Inhalte auswerfen, könnten diese Denkprozesse aber wenig profitieren.

Blome plädierte deshalb für kreativere und ästhetische Benutzeroberflächen, die den Leser mehr einbinden – wie zum Beispiel das Projekt ArtScope des San Francisco Museum of Modern Art oder das Projekt Search Crystal. Dabei müssten diese neuen Oberflächen nicht nur auf Einfachheit ausgerichtet werden: "Die Tendenz, die Interfaces dem bewussten Wahrnehmen des Betrachters zu entziehen, ist schädlich für die Aktivierung des Publikums", erläuterte Blome. Das Publikum müsse jedoch eingebunden werden, um die Informationen tatsächlich nutzen zu können.

Für grundsätzlichere Änderungen plädierte der Computerwissenschaftler und Futurist Alan Shapiro. "Wikipedia kann nicht mit Science Fiction umgehen, weil es bei Science Fiction nicht um Fakten geht", erklärte Shapiro. So verweise der Artikel über den Film "A.I. Artificial Intelligence" in der Beschreibung des Plots auf Artikel, die lediglich den aktuellen Stand der Technik widerspiegelten – und führten den Leser so in die Irre. Mit der heutigen Wissens-Darbietung von Wikipedia zeigte sich Shapiro wenig zufrieden: Studenten würden heute eher abgehalten, sich weiter mit einem Thema zu beschäftigen, wenn sie die Wikipedia-Kurzfassung gelesen hätten.

Neue, intelligente Software-Agenten sollten den Betrachter nach Shapiros Vision in das Geschehen einbinden, und zwar nach dem Vorbild der Holodecks im Star Trek-Universum. Dazu fehle es aber noch an vielen Voraussetzungen: "Wir können keine künstliche Intelligenz schaffen, wenn wir selbst nicht intelligent sind", sagte Shapiro. Eine wesentliche Voraussetzung sei die Erweiterung der Informatik. So solle der Vererbungsmechanismus der Objektorientierung um Analogien und Ähnlichkeiten erweitert werden.

Um die Aktivierung der Wikipedia-Leser zur Mitarbeit in der Online-Enzyklopädie ging es in mehreren Beiträgen. So beklagte ein Wikipedia-Aktivist das Desinteresse vieler Leser an den Prozessen hinter den Wikipedia-Artikeln. So seien zu einem Wikipedia-Workshop in Leipzig nur sieben Interessenten erschienen. Webloggerin und Indymedia-Deutschland-Mitbegründerin Anne Roth plädierte dafür, die seit Jahren stattfindenden Wikipedia-Stammtische mehr zu öffnen und zu bewerben.

Dass die in vielen Beiträgen geforderte Diskurs-Abbildung innerhalb der Wikipedia für neue Probleme sorgt, zeigte sich auch direkt am Beispiel der Leipziger Konferenz. So beklagte der Geschichtswissenschaftler Peter Haber einen hämischen Pennälerton, mit dem Wikipedia-Aktivisten zum Beispiel auf Twitter über die Konferenz berichtet hatten. "Die mangelnde Dialogbereitschaft der Wikipedianer mit der Wissenschaft hat sich aber nicht nur im Niveau, sondern auch in einem grundlegenden Abwehrreflex wissenschaftlichen Argumentationsweisen gegenüber gezeigt", schreibt Haber. Wikipedia-Aktivist Nando Stöcklin sieht jedoch das Versäumnis bei den Wikipedia-Forschern: "Akademiker pflegen Kritik in diplomatische Worte zu fassen und sind offene Kritik nicht gewohnt. Für Wikipedianer sind harte und offene Diskussionen an der Tagesordnung", schreibt der Schweizer. (jo)

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