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Technology Review

Kryonik: Die Hoffnung auf ein zweites Leben nach dem Eis

Der Pionier der Kryonik, James Bedford, glaubte, dass die Wissenschaft irgendwann den Tod überlistet. Vor 50 Jahren ließ er sich deshalb einfrieren.

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Kryonik: Die Hoffnung von einem zweiten Leben nach dem Eis

Bereit für den nächsten "Patienten": In einem solchen Kryo-OP werden die toten Körper auf das Einfrieren vorbereitet.

(Bild: Alberto Giuliani/LUZ/fotogloria)

In Windeseile wird James Hiram Bedford am 12. Januar 1967 in den OP geschoben. Dabei ist der 73-jährige zu diesem Zeitpunkt schon tot – wenige Minuten zuvor war er einem Nierentumor erlegen. Doch per "Kryokonservierung" (vulgo: Einfrieren) wollte Bedford seinen Körper in eine Zeit retten, in der die Medizin ihn wieder zum Leben erwecken kann. Damit wurde der Psychologie-Professor zum ersten "Kryoniker". Seit diesem 50. Jubiläum der ersten Kryokonservierung hat sich eine ganze Industrie entwickelt, die menschliches oder tierisches Gewebe, ganze Leichen oder abgetrennte Köpfe auf Eis legt. Das berichtet Technology Review in der aktuellen Ausgabe (im gut sortierten Zeitschriftenhandel oder im heise shop zu kaufen).

Ungefähr zehn Minuten nachdem die Durchblutung des Gehirns aussetzt, beginnen chemische Reaktionen die Zellen zu schädigen. Im Fall Bedford hat sich das Krankenhaus deshalb zu einer Todeserklärung im Schnellverfahren bereit erklärt. So konnte sein Leichnam zügig in eine eisgefüllte Plastikwanne gelegt werden, in der eine Pumpe das Eiswasser zirkulieren ließ. Eine Art Herz-Lungen-Maschine presste zugleich Sauerstoff in seine Lungen und Blut durch seine Adern. Dann ersetzte eine Pumpe das Blut Bedfords Milliliter für Milliliter durch Viaspan – eine Lösung, die normalerweise zur Konservierung von Spenderorganen dient. Nach rund vier Stunden war der Flüssigkeitsaustausch beendet. Die Körpertemperatur lag nun bei rund zwei Grad Celsius.

Später ersetzte man das Viaspan durch das Frostschutzmittel Glycerin. Dies soll die Bildung von Eiskristallen verhindern, die das Gewebe irreversibel schädigen würden. Schließlich wurde Bedford in einem Tank voller flüssigem Stickstoff auf minus 196 Grad heruntergekühlt. Alle biologischen Abläufe standen fortan still.

50. Jahre - Noch immer gefroren (5 Bilder)

In diesem Kühltank finden vier Körper sowie diverse Köpfe Platz.
(Bild: Photo courtesy of Alcor Life Extension Foundation
)


Jahrelang lag Bedfords Tiefkühltank in einer Gruft auf dem Friedhof von Chatsworth, einer Kleinstadt bei Los Angeles. Im Laufe der Zeit kamen neun weitere Tanks hinzu. Dann aber ging dem Betreiber, der Cryonics Society, offenbar das Geld für die Kühlung aus. Sie ließ die Leichen heimlich auftauen. Als Lokalreporter 1972 den Verwesungsgeruch bemerkten, flog der Skandal auf. Nur eine Leiche war intakt geblieben: die von James Bedford. Sein Sohn hatte sich selbst darum gekümmert, dass der tote Vater immer vorschriftsgemäß gekühlt blieb.

Nach diesem Skandal gründete der kalifornische Raumfahrtingenieur Fred Chamberlain die "Alcor-Stiftung für Lebensverlängerung" in Scottsdale, Arizona. Sie übernahm das amtliche Sorgerecht für Bedfords Leiche. "Wir haben ihn in einen modernen Behälter umgebettet", sagt Marji Klima, Sprecherin von Alcor. In einem gigantischen Leichenkühlhaus in Phoenix lagert die Firma gegenwärtig 149 "Patienten", wie sie ihre Kunden nennt.

Jeweils vier von ihnen liegen in einem Thermosbehälter, groß wie eine Litfaßsäule. Zwischen ihnen sind die Häupter von Menschen gestapelt, die sich für eine kostengünstigere Kopfkonservierung entschieden haben – in der Hoffnung, ihr Körper könne eines Tages mit Stammzellen nachgezüchtet werden.

Je nachdem, ob nur der Kopf oder der gesamte Körper eingefroren werden soll, werden bei Alcor zwischen 55.000 und 185.000 Euro fällig. Die meisten Kunden bezahlen mit ihrer Lebensversicherung. Zudem überweisen sie zu Lebzeiten einen jährlichen Mitgliedsbeitrag von umgerechnet rund 500 Euro. Darin enthalten sind Bereitschaftsgebühren für ein Notfallteam, das meist schon am Sterbebett wacht.

Die Kryokonservierung ist mittlerweile so weit fortgeschritten, dass sie tatsächlich medizinische Bedeutung hat. Eizellen etwa lassen sich so gut einfrieren, dass mit ihnen eine spätere Schwangerschaft möglich ist. Ähnliches gilt für Stammzellen aus Nabelschnurblut oder -gewebe. Eltern können ihren Kindern auf diese Weise eine Art Ersatzteillager für Organe einrichten. Ob sich die Hoffnung allerdings erfüllt, ist keineswegs sicher. Dies gilt erst recht für den ganzen Körper.

Weltweit warten heute rund 2000 tiefgefrorene Menschen unter der Obhut verschiedener Unternehmen wie Alcor auf ihre Wiedererweckung. Die Mehrheit der Mediziner hält dies für unmöglich. Der Mensch bestehe aus verschiedenen Geweben mit unterschiedlicher Dichte und Temperaturempfindlichkeit – deshalb bräuchte jeder Zelltyp sein eigenes Frostschutzmittel. Und selbst wenn das Gewebe perfekt erhalten bliebe – die Leute waren schließlich schon vor der Konservierung tot. Man bekommt irgendwann also bestenfalls eine frische Leiche.

Doch die Hoffnung, dem Tod doch noch irgendwie entkommen zu können, wiegt für todkranke Menschen und ihre Angehörigen oft schwerer als solche Bedenken. In Großbritannien etwa hat kürzlich ein 14-jähriges krebskrankes Mädchen kurz vor ihrem Tod gerichtlich durchgesetzt, dass ihr Körper eingefroren werden darf. Ihr Vater war dagegen. (jle)