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Künstliche Intelligenz ist echte Blödheit - zum 100. Geburtstag von John R. Pierce

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John R. Pierce

(Bild: NASA)

Heute vor 100 Jahren wurde John Robinson Pierce in Des Moines geboren. Pierce gilt als einer der produktivsten amerikanischen Ingenieure der Nachkriegszeit. Er prägte den Begriff Transistor für eine Erfindung, die in seiner Abteilung der Bell Laboratories realisiert wurde.

35 Jahre lang arbeitete John R. Pierce in der Forschungsabteilung der Bell Labs von AT&T, nachdem er 1936 am kalifornischen Institute of Technologie (Caltech) mit einer Arbeit über Vakuumröhren und Mikrowellen promoviert hatte. Er wurde dort Laborleiter (1955), Leiter des Gesamtbereiches elektronische Systeme (1955) und schließlich (1962) Cheftechniker des Konzerns, der später Lucent Technologies hieß und heute in Alcatel-Lucent aufgegangen ist. Nach seinem Ausscheiden im Jahre 1971 wurde Pierce Professor an der Caltech und arbeitete dort von 1979 bis 1982 als Cheftechnloge des Jet Propulsion Laboratory. Neben seiner Lehrtätigkeit begründete er die Forschung in der Computermusik. 1983 ging er als Musikprofessor an die Universität Stanford, wo er Psychoakustik lehrte. Pierce starb am 2. April 2002 an einer Lungenentzündung im kalifornischen Sunnyvale.

Die wissenschaftliche Karriere von John R. Pierce begann im zweiten Weltkrieg, in dem Pierce über Radartechnik forschte. Er beschäftigte sich mit der von Rudolf Kompfner erfundenen Wanderfeldröhre und lieferte die mathematische Theorie zu diesem Signalverstärker, der in Radargeräten zum Einsatz kam. Rudolf Kompfner gehörte später zu den ersten Forschern, die von Pierce zu den Bell Labs geholt wurden. Zusammen mit seinen Bell-Kollegen Barney Oliver und Claude Shannon entwickelte und patentierte Pierce noch in der Kriegsforschung ein Kommunikationssystem auf Basis der Pulse Code Modulation. Außerdem entwickelte er eine Elektronenkanone, die nach ihm benannt wurde.

Eine besondere Erfindung von Pierce war ein schlichter Name. Für ein Bauteil, das eine ihm unterstellte Forschungsgruppe entwickelt hatte, erfand Pierce den Namen Transistor, wie er in der Fernsehsendung Transistorized erklärte.

Für sich selbst erfand Pierce den Namen J.J.Coupling, einen Begriff aus der Kernspinresonanzspektroskopie. Unter diesem Namen veröffentlichte Pierce Science Fiction, die ähnlich wie das Werk des mit ihm befreundeten Arthur C. Clarke auf der Basis von wissenschaftlichen Fakten extemporierte. Viele Geschichten befassten sich mit der Frage, ob Maschinen intelligent werden können. In How to build a thinking machine (PDF-Datei), einer seiner bekanntesten Stories aus dem Jahre 1951, schreibt Coupling über eine perfekte denkende Maschine, die auch vergessen kann, weil Vergessen eine zentrale menschliche Fähigkeit darstellt. Seine Überlegungen werden später vom KI-Pionier Marvin Minsky weiter entwickelt.

Noch einflussreicher war die Science-Fiction-Story "Don't write, Telegraph!" , die Coupling 1952 veröffentlichte. In ihr berechnete Pierce die Laufzeit und die Sendestärke von Kommunikations-Signalen, die zwischen Mond und Erde gesendet werden. Seine Berechnungen führten Pierce direkt zur Konstruktion des militärisch genutzten Nachrichtensatelliten Echo im Jahre 1960, wie sich Pierce später erinnerte. Kommerziell wichtiger wurde für seinen Arbeitgeber AT&T der erste zivile Satellit Telstar, dessen Entwicklung ebenfalls von Pierce beschrieben wurde. Als Höhepunkt der Entwicklung der Satellitentechnik empfand Pierce die weltumspannende Ausstrahlung von All you need is love im Jahre 1967.

In dieser Zeit hatte sich Pierce bereits einem neuen Forschungsgebiet zugewandt, der Computermusik, die er zusammen mit seinem Bell Labs-Kollegen Max V. Matthews erforschte: 1965 veröffentlichte er im Playboy den Aufsatz "Portrait of the Computer as a Young Artist", in dem er eine Zukunft skizzierte, in der Computer die Musikproduktion bestimmen. Pierce lud Komponisten wie James Tenney oder John Cage in die Bell Labs ein, an der neuen Musik zu forschen. Seine Untersuchung zur Wissenschaft des Klangs gilt heute als Standardwerk der Psychoakustik. Im Jahre 1983 wechselte John R. Pierce die "Seiten", als er Musikprofessor am Center for Computer Research in Music and Acoustics der Universität Stanford wurde: Jahrelang hatte er Gelder in Forschungsprojekten ausgegeben, nun sammelte er Geld ein, um die finanziell schwer angeschlagene Universität zu retten. Pierce selbst spendete rund 3 Millionen Dollar, noch wichtiger waren seine vielseitigen Industriekontakte. Bis zu seinem Tod im Jahre 2002 widmete sich John R. Pierce der Konstruktion von neuen Musikinstrumenten wie dem elektronischen Schlagzeug, das er 1992 erfand: "Was wir wirklich verstehen, ist nicht die natürliche Welt, sondern die Maschinen, die wir gebaut haben, diese Welt zu bevölkern." (jk)

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