Kultur wird digitaler: Livestreams, Videotreffen, VR und Künstliche Intelligenz

In der Corona-Krise experimentieren Kultureinrichtungen notgedrungen mit digitalen Formaten. Mit neuen Ansätzen und auch kostenpflichtig soll es weitergehen.

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(Bild: Kulturstiftung des Bundes)

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  • Cordula Dieckmann, dpa

Vormittags einen Blick in New Yorker Museen werfen, mittags den Louvre in Paris oder das Münchner Lenbachhaus erkunden und abends eine Vorstellung der Bayerischen Staatsoper genießen – alles an einem Tag und vom Sofa aus. Corona machte es möglich. Theater, Oper, Kunst und Kultur – als das öffentliche Leben zum Erliegen kam und viele Häuser und Bühnen schließen mussten, wurde sehr vieles digital angeboten. "Kulturinstitutionen haben aufgrund des temporären Lockdowns und der gesetzlichen Beschränkungen zum Teil sehr erfolgreich mit neuen, digitalen Formaten experimentiert", sagt Julia Mai vom Programm Digital der Kulturstiftung des Bundes in Halle an der Saale.

Unzählige Theaterstücke, Opern und Konzerte waren per Livestream erlebbar, etwa die "Montagskonzerte" der Bayerischen Staatsoper, bei der Stars wie Jonas Kaufmann, Kirill Petrenko und Christian Gerhaher vor leeren Rängen auftraten. Das Staatstheater Nürnberg bespielte seinen Digitalen Fundus auch mit selbst gedrehten Videos von Schauspielern. "Alle haben sich bereitwillig auf künstlerische Projekte im digitalen Raum eingelassen", resümiert Staatsintendant Jens-Daniel Herzog. Dennoch herrsche Einigkeit: Das Live-Erlebnis im Theater und mit Publikum sei durch nichts zu ersetzen.

Eine Sprecherin des Residenztheaters sprach von einem "Trost in diesen Zeiten der Ausgangsbeschränkungen und um trotz allem präsent und im Kontakt mit dem Publikum zu bleiben". Manches aus dieser Zeit wolle man beibehalten, etwa das Stück "50 Mal Lenz – Ein Versuch". Jeweils fünf Zuschauer nehmen mit der Schauspielerin Lisa Stiegler an einer Videokonferenz teil und sind live dabei, während Stiegler spielt. Eine intensive Erfahrung für beide Seiten.

Auch die Museen waren bei der Digitalisierung aktiv. So boten die Pinakotheken in München Live-Dialogführungen an, bei denen Besucher digital Kunstwerke bewundern und dazu den Kuratoren und Kunstvermittlern direkt Fragen stellen konnten. Ein Format, das weiterentwickelt werden soll. "Die Krise hat gezeigt, dass es für die Museen wichtig ist, analoge Vermittlungsprogramme mit digitalen Angeboten zu verschränken", sagt eine Sprecherin der Pinakotheken. Der Vorteil der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen: Ebenso wie etwa das Münchner Lenbachhaus haben die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen längst damit begonnen, ihre Kunstwerke online zu stellen.

Doch für Experten geht die Zukunft der Digitalisierung der Kultur über Internet-, Streaming- und Videokonferenzangebote hinaus. Helfen soll dabei das Programm "Kultur Digital" der Kulturstiftung des Bundes, das unter anderem Kultureinrichtungen beim Entwickeln digitaler Strategien unterstützt. Hoffnungen ruhen auf dem Kultur-Hackathon "Coding da Vinci", bei dem Programmierer, Designer und Gaming-Experten zusammentreffen, demnächst im Oktober in Hannover.

Julia Mai verweist auf ein Projekt des Deutschen Museums in München mit dem Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe. Ziel sei ein sogenanntes intelligentes Museum, bei dem Ausstellungskonzepte von Künstlicher Intelligenz (KI) unterstützt werden. Eine wichtige Rolle spielen auch Virtual Reality (VR) und Augmented Reality (AR), bei der sich Inhalte aus dem Computer mit der wirklichen Umgebung vermischen. Auch die Bayerische Staatsoper liebäugelt mit solchen Formaten. "Beim Thema Virtual Reality hatten wir noch nicht die zündende Idee – das kommt bestimmt demnächst", meinte ein Sprecher.

Für Wiebke Müller vom Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes in Berlin ist die Kulturbranche ein wichtiger Motor bei der Digitalisierung. "Es gibt bereits viele Kulturschaffende und Kreativ-Unternehmer, die digitale Methoden und Technologien aktiv und zukunftsweisend entwickeln und in ihre Arbeit einbauen", berichtet sie. Der Kultur- und Kreativbereich sei häufig Experimentierfläche für neue Technologien und digitale Ansätze, die Akteure seien Early Adopter. Gerade Soloselbstständige, Klein- und Kleinstunternehmer seien stark engagiert und wollten die Zukunft mitgestalten.

Doch Müller warnt auch: "Viele dieser neuen Angebote wurden aus einem Bedürfnis der Solidarität anfänglich als Umsonst-Angebot bereitgestellt", kritisiert sie. "Hier gilt es nun die Sensibilität in der Bevölkerung zu schärfen, dass dahinter eigentlich Geschäftsmodelle liegen und Werte geschaffen werden, für die die Akteure entlohnt werden müssen."

Der neuen Zukunft sind ohnehin mitunter Grenzen gesetzt, wie Christian Ruppert, Geschäftsführender Direktor des Staatstheaters Nürnberg, feststellt. Er hält nicht nur mehr Leute für notwendig, die den Transformationsprozess am Theater professionell begleiten. Das größte Entwicklungsfeld in Sachen Digitalisierung bleibe der Ausbau der technischen Infrastruktur. Der stehe noch ganz am Anfang. (olb)