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Kurswechsel bei Facebook: Biedermeier statt Aufklärung

An der Oberfläche ist Facebooks neue Strategie Ausweis eines digitalen Biedermeier: Die bürgerliche Familie zieht sich ins heile Private zurück. Das Fundament bleibt allerdings Facebooks Lockvogeltaktik. Ein Kommentar von Daniel AJ Sokolov.

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Weißer Labrador-Welpe

Süße Tierbilder sind bei Facebook immer gerne gesehen.

(Bild: Daniel AJ Sokolov)

Mark Zuckerbergs angekündigter Kurswechsel bei Facebook ist vordergründig eine Reaktion auf Vorwürfe wegen der Verbreitung und Bestärkung von Fake News, Verschwörungstheorien und Hassbotschaften. Weil Facebook das gesellschaftliche Problem, dass manche Mitmenschen skrupellos, Arschlöcher oder beides sind, nicht lösen kann, versucht Zuckerberg, dem Problem aus dem Weg zu gehen.

Der News Feed soll zum Hort der Idylle und des Privaten werden. Wenn weniger Leute den Schmutz sehen, regen sich auch weniger auf. Schon bisher war Facebook mehr für Informationsblasen als für intellektuelle Herausforderung berüchtigt; nun werden die User wohl noch mehr von Informationen und Meinungen isoliert, die nicht ihrer Weltanschauung entsprechen könnten.

Gefällig und gemütlich soll es sein, nicht frech und fordernd. Möchte dennoch jemand eine inhaltliche Ansage machen, kann er ja Werbung schalten.

Der Hintergrund ist allerdings, dass es gar keinen grundsätzlichen Kurswechsel gibt. Der Vorrang für Angehörige ist mindestens seit 2016 die erstgenannte Prämisse für den News-Feed-Algorithmus: "Friends and familiy come first", heißt es im Original.

Was nun kommen soll, ist ein frisch verpackter weiterer Schritt in Facebooks Lockvogeltaktik. Zunächst hat Zuckerberg Unternehmen und andere Organisationen, von der NGO zum Kirchenchor, mit Gratis-Pages gelockt. Damit ist sein soziales Netzwerk stark gewachsen. Nach und nach wurde aber die Reichweite einzelner Gratis-Postings eingeschränkt.

Wer viele Follower hat und alle erreichen will, muss zahlen. There ain't no such thing as a free lunch (TANSTAAFL), zumindest nicht auf Dauer. Nun wird die Reichweite der Postings eben noch weiter eingeschränkt. Ausgenommen sind Beiträge, die "Unterhaltungen und bedeutsame Interaktionen zwischen Menschen" auslösen.

Klar, Bots sind eher unzugänglich für die Werbebotschaften, mit denen Facebook seine Milliarden verdient. Und je mehr sich echte User aktiv einbringen, umso mehr Signale gibt es für die Reklamealgorithmen. Das bringt Geld.

Mark Zuckerberg spricht von "a major change".

(Bild: 

dpa, Steven Senne)

Unbestritten ist, dass in Facebooks News-Feed viel Müll daherkommt, von selbststartenden Videos bis zu belanglosen Image-Postings diverser Markenartikelhersteller. Dabei läge die Lösung auf der Hand: Ein Reinheitsgebot für Facebook. Hinfort mit den Algorithmen!

Zumindest als Voreinstellung. Wie würde Ihr News-Feed aussehen, wenn Sie selbst Herr darüber wären? Sie bekommen alles im Original anti-chronologisch vorgesetzt, was Ihre Facebook-Freunde posten und was von jenen Pages eingestellt wird, denen Sie folgen. Wenn es nervt, "entfolgen" Sie bitte. Das könnte sogar einen erzieherischen Effekt haben.

Alternativ dürften Sie auch Facebooks Redaktion walten lassen, und könnten das Ergebnis jederzeit vergleichen. Anstatt Versuchskaninchen im jüngsten A-B-Algorithmustest zu sein, könnten Sie selbst entscheiden. Den Versuch wäre es wert.

Lieber Mark, entknechte uns von Deinen Algorithmen! (ds)

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