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Technology Review

Kurzweil will Gehirn-Schaltkreise nachbauen

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Der Futurologe Ray Kurzweil ist davon überzeugt, aus dem menschlichen Gehirn die Vorlage für leistungsfähigere Computer ableiten zu können. Im Interview mit Technology Review (seit kurzem am Kiosk oder direkt im heise Shop erhältlich) erklärte Kurzweil, er habe ein neues Unternehmen gegründet, um die Theorien, die er in seinem neuen Buch „How to Create a Mind“ erklärt, technisch zu nutzen.

„Eines der wesentlichen Elemente menschlicher Intelligenz ist die Fähigkeit des Neokortex, also des entwicklungsgeschichtlich jüngsten Teils der Großhirnrinde, Informationen hierarchisch zu organisieren“, argumentiert Kurzweil. „Der Neokortex kann Fakten abstrahieren, dann die abstrahierten Fakten noch einmal abstrahieren und so weiter. Diesen Prozess muss das Gehirn durchmachen, um Intelligenz auszubilden“.

Als wesentliches Element dieser Informationsverarbeitung hat Kurzweil „Module“ im Gehirn identifiziert, die für diese hierarchische Informationsverarbeitung zuständig sind. Der Hirnforscher Henry Markram, der mit seinem „Blue Brain Project“ Teile eines Rattengehirns simuliert - sein Fernziel ist die Simulation eines kompletten menschlichen Gehirns -, habe gezeigt, dass es im Gehirn Module gibt, die aus etwa 100 Neuronen bestehen deren interne Verdrahtung sich im Laufe der Zeit nicht ändert, sagt Kurzweil. „Die Verbindungen zwischen diesen Modulen verändern sich allerdings sehr stark, wenn das Gehirn lernt. Diese Module, die laut Kurzweil analog zu Hidden-Markov-Modellen funktionieren, „ sind in der Lage, Muster zu erkennen. Um diese Muster hierarchisch zu ordnen, verbinden sie sich mit anderen Modulen“, so wie Menschen beim Lesen Buchstaben erkennen, um daraus Wörter zu formen. Auf diese Weise lerne das Gehirn, so Kurzweil.

Kurzweil, 64, der täglich rund 150 Pillen am Tag schluckt, um „die volle Blüte der Biotechnologie-Revolution“ zu erleben, gilt als so etwas wie der personifizierte Fortschrittsglaube des Silicon Valley. Seit mehr als zwanzig Jahren produziert der Zukunftsforscher und Erfinder Bücher, in denen er beschreibt, was in den nächsten Jahrzehnten auf die Menschheit zukommen wird: programmierbare Nano-Roboter in unserer Blutbahn, Software-Downloads für das menschliche Bewusstsein – und schließlich die „Singularität“, der Punkt, an dem keine sinnvollen Vorhersagen über die technologische Entwicklung mehr möglich sind.

Dass der Futurologe lebensverlängernde Präparate nicht nur in seinen Büchern propagiert, sondern sie auch in einem Online-Shop verkauft, hat ihm allerdings massive Kritik eingebracht. Auf die Frage, ob er keine Bedenken habe, damit seinen wissenschaftlichen Ruf zu schädigen, antwortet Kurzweil: „Nun, wenn Sie „Fantastic Voyage“ lesen, werden Sie rund 2000 wissenschaftliche Zitate finden. Aus anerkannten wissenschaftlichen Zeitschriften. Alles, was wir vorschlagen, ist tatsächlich recht konservativ. Wir empfehlen keine umstrittenen Mittel wie etwa menschliche Wachstumshormone. Kurz gesagt: Es gibt eine Menge wissenschaftlicher Belege. Aber viele meiner Kritiker haben die schlicht nicht gelesen.“

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(wst)