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LED-Technik: Osram beleuchtet den Petersdom

Osram hat den Petersdom mit moderner Lichttechnik ausgestattet. Das Projekt ist gut fürs Prestige und Blaupause für neue Produkte.

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LED-Technik: Osram beleuchtet den Petersdom

Kuppel des Petersdoms neu ausgeleuchtet.

(Bild: heise online / Peter Ilg)

Andächtig schreitet Osrams erster Mann neben dem zweiten Mann des Vatikans am Freitag-Abend in den nur schwach beleuchteten Petersdom im Vatikan. Hinter dem weit entfernten Altar singt ein Chor christliche Lieder, begleitet von Instrumenten. Osram-CEO Olaf Berlien und der Regierungschef des Vatikan, Kardinal Giuseppe Bertello, führen eine Gruppe von gut 1000 Ehrengästen an, die zur Einweihung einer neuen Lichtanlage in der größten und bekanntesten Kirche der Welt eingeladen wurden.

Beim Altar bleiben die beiden Herren, der eine im weltlichen Anzug, der andere im himmlischen Purpur, andächtig nebeneinander stehen. Die Lichtschau beginnt. Nacheinander werden der Altarraum, die hohe Kuppel, das zentrale Seitenschiff und die kleineren Seitenschiffe bis in den letzten Winkel hell erleuchtet. 100.000 Leuchtdioden machten Details der Kunst an Decken und Wänden sichtbar, die seit 500 Jahren im Halbdunkeln dahindämmerten.

Für den Vatikan und Osram ist es ein großer Abend – mal wieder. Denn Osram erleuchtet den Vatikan Schritt für Schritt mit moderner LED-Technik. Beginnend 2014 mit der Sixtinischen Kapelle, 2016 folgte der Petersplatz, im Jahr darauf die Stanzen des Raffael und jetzt als krönender Abschluss: der mächtige Petersdom. Die alten Lampen waren aus den 1980er Jahren. Sie leuchteten nicht nur schwach, sie verfälschten zudem die Farben der Gemälde und Mosaiken an Decken und Wänden.

Das neue LED-Licht, das Osram in Wipperführth entwickelt und produziert hat, gibt Farben realistisch wieder und schädigt die Kunstwerke nicht. Das hat Osram anhand von Farbpigmenten aus der Sixtinischen Kapelle nachgewiesen: Ein Jahr lang wurden Farbproben beleuchtet und analysiert, ohne dass Farbveränderungen festgestellt wurden.

"Das Projekt Petersdom ist sicher eines für unser Prestige, war aber auch durchaus technisch anspruchsvoll", sagt Thorsten Müller, Leiter Innovation und Forschung bei Osram. Als alle etwa 100.000 Leuchtdioden angeschaltet sind, strahlen Bertellos und Berliens Augen hell. Der Kardinal sagte später: "Sowohl Kunstliebhabern als auch Pilgern wird mit diesem Projekt ein großer Dienst erwiesen." Berlien sprach von einem "lichttechnischen Meisterwerk". Durchaus angebrachte Worte an diesem Ort.

Rom aber ist weit weg von Regensburg und dort strahlt Osram derzeit überhaupt nicht. Am Tag vor der Einweihung im Petersdom hat das Unternehmen den Abbau von 300 Stellen bei der Halbleiter-Tochter Opto Semiconductors in Regensburg angekündigt, außerdem müssen 200 Zeitarbeiter gehen. Derzeit arbeiten dort rund 2800 Stammbeschäftigte und etwa 250 Zeitarbeiter. In Regensburg produziert der Konzern Chips für LEDs.

Im abgelaufenen Quartal ging der Umsatz des Lichttechnikkonzerns mit einem Einbruch von 15 Prozent stark zurück. Die ehemalige Siemens-Tochter leidet unter den schwachen Märkten Automobil und Handys. Etwa die Hälfte seines Umsatzes macht Osram mit der Automobilbranche, doch die verkauft weniger Autos, weil Diesel in Deutschland unattraktiv geworden sind und sich europaweit Neuzulassungen von Behörden aufgrund des neuen WLTP-Messverfahrens für Emissions- und Verbrauchswerte stauen. Die Gewinnwarnungen von Apple und Samsung sind exemplarisch für die schwächelnde Smartphone-Branche.

Osram musste im vergangenen Jahr gleich zweimal vor Gewinneinbrüchen warnen. Die Gesellschaft ist am M-Dax notiert und dort ein Sorgenkind der Anleger. Aktuell wird die Firma mal wieder als heißer Übernahmekandidat gehandelt. Gegen seinen Niedergang stemmt sich Osram mit neuen Produkten, um mit einem breiteren Produktangebot unabhängiger von der Automobilbranche zu sein.

Beispiele dafür gab es im Petersdom zu sehen: für unterschiedliche Anlässe wurden verschiedene Lichtsequenzen erstellt, die sich über ein Tablet vom Innenraum der Kirche steuern lassen. Choreografien gibt es beispielsweise für Messen mit dem Papst. In dem Fall ist der Altarraum mit Spots beleuchtet und die Kirche etwas dunkler.

Für Touristen wird der Petersdom homogen beleuchtet. Dann bleibt es den Augen des Betrachters überlassen, wohin er schaut. Kreuzende Strahlengänge machen die homogene Ausleuchtung möglich: vom Gesims auf der einen wird die Gewölbehälfte der anderen Seite beleuchtet und umgekehrt. Jede Leuchte ist einzeln ansteuer- und dimmbar, die LEDs leuchten zehnmal heller als die bisherigen Halogenlampen und verbrauchen bis zu 90 Prozent weniger Energie. Osram lieferte die Lampen, deren Steuerung und Szenarien und leitete das Projektmanagement. Installiert wurden die Lichter von den vatikanischen Werkstätten mit eigenen Angestellten.

"Jetzt sind wir mit dem Vatikan in Gesprächen über den Horizont der Beleuchtung hinaus", sagte Müller. Es gehe um Sensorik, die Besucher mittels Wärmestrahlung erkennt und das Sicherheitspersonal so weiß, wo sich Personen aufhalten. Die Sensorik ist zwar eine eigene Technik, doch könnte Osram die jetzt vorhandene Infrastruktur der Lichtanlage nutzen, um die Verkabelung der Sensorik zu integrieren, um Daten zu erheben und diese aufzubereiten.

Beifall gibt es am Ende der beeindruckenden Lichtshow nicht. Das ist im Petersdom nicht erwünscht. Aber vielleicht hat Berlin schon mit Bertello über Sensorik gesprochen. Himmlische Hilfe kann der angeschlagene Konzern dringend gebrauchen. (anw)

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