Laptops im Flugzeug sind gefährlich – als Projektile

Die früher befürchteten Auswirkungen elektromagnetischer Strahlung haben sich für moderne Flugzeuge als vernachlässigbares Risiko erwiesen. Mancher Experte sieht die Gefahren woanders.

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Von
  • Daniel AJ Sokolov

Die von Passagieren in Flugzeuge mitgebrachte Elektronik ist gefährlich. Denn bei Turbulenzen können sich die mobilen Geräte losreißen und zu Projektilen werden. Die früher befürchteten Auswirkungen elektromagnetischer Strahlung haben sich für moderne Flugzeuge als vernachlässigbares Risiko erwiesen. Dies ging aus einer Diskussion auf der CES in Las Vegas hervor. In den meisten US-amerikanischen Passagierflugzeugen sind WLAN, Bluetooth und GPS inzwischen zugelassen, auch während Start und Landung. Mobilfunk wird kommen, aber Details sind noch zu klären.

Ende 2013 haben viele US-Fluglinien ihre Vorschriften über persönliche Elektronik gelockert. In den meisten Fliegern dürfen die Geräte nun vom Einsteigen bis zum Aussteigen benutzt werden. Vor einem Jahr hatte eine ähnliche Diskussionsrunde auf der CES noch tiefe Gräben zwischen Gegnern und Befürwortern liberalerer Regeln offenbart.

Nicht das einzelne Gerät, sondern die unbekannten Auswirkungen vieler unterschiedlicher Geräte auf das Flugzeug wurden damals von manchen als inakzeptables Risiko dargestellt. Andere verwiesen darauf, dass täglich in jedem großen Flugzeug dutzende bis hunderte Handys trotz aller Ansagen eingeschaltet bleiben, ohne negative Folgen.

Heute ist die Angst der Branche wie weggeblasen. "Nach den Vorschriften ist der Flugzeugbetreiber für die Regeln über persönliche Elektronik verantwortlich", erklärte Timothy Shaver von der US-Flugaufsichtsbehörde FAA, "Wir haben den Fluglinien einen Weg aufgezeigt, wie sie diese Entscheidung treffen können." Es habe sich herausgestellt, dass das von den Emissionen ausgehende Risiko nicht höher sei als die Gefahr, dass die Flugzeugsysteme von selbst versagen.

Die FAA habe dann Dokumente bereit gestellt, um eine risikobasierte Evaluierung zu unterstützen. Die Fluglinien konnten dann ihre eigenen Checks durchführen und Unterlagen vorlegen; das hätten die meisten Fluglinien innerhalb von sechs Wochen getan. Nur kleinere Fluglinien, die zusammen fünf Prozent der Passagiere in den USA befördern, seien noch nicht so weit.

Bei Turbulenzen können Laptops in der Kabine herumfliegen und sind daher gefährlich, warnte Pilot Bill de Groh.

(Bild: Daniel AJ Sokolov)

Anstatt sich auf die Emissionen der Geräte zu konzentrieren, wurden in den vergangenen Jahren die Flugzeugsysteme besser geschützt. Nur bei einigen älteren, wenig bedeutenden Modellen sei die Situation noch unklar. "Das Problem sind nicht ausfallende Anzeigen im Cockpit oder Denial-of-Service Szenarien, damit können wir umgehen", erläuterte Bill de Groh von der Air Line Pilots Association International, "gefährlich sind verfälschte Anzeigen."

Bei schlechter Sicht sind diese Anzeigen lebensnotwendig. Daher muss jedes Flugzeug zertifiziert werden, bevor die persönlichen Geräte auch bei Start oder Landungen bei eingeschränkter Sicht (Category II Approach) betrieben werden dürfen. Soweit bekannt, ist bisher kein Flugzeug an der Zertifizierung gescheitert. Weil derzeit aber alle großen US-Fluglinien ihre Flugzeuge prüfen lassen wollen, gibt es erhebliche Wartezeiten. "Wenn die Crew Sie bittet, auszuschalten, dann tun Sie das bitte. Es hat einen Grund", appellierte der Pilot.

"Es hat einen Grund, dass Baseballspieler Helme tragen. Dabei wiegt der Ball nur fünf Unzen (141 Gramm)", brachte de Groh die größte Gefahr auf den Punkt. "Flüge können sehr plötzlich sehr unruhig werden. Ein Handy oder Tablet können die Passagiere dann möglicherweise noch festhalten. Einen Laptop aber schon nicht mehr. Der knallt ihnen vielleicht ins Gesicht oder womöglich einer anderen Person auf den Kopf. Das kann tödlich sein."

"Die drittgrößte Ursache für Todesfälle im internationalen kommerziellen Jetbetrieb sind Ereignisse, wenn das Flugzeug von der Start- oder Landebahn abkommt", berichtete de Groh. Daher müssen Passagiere dazu angehalten werden, ihre Laptops vor Start und Landung und bei erwarteten Turbulenzen zu verstauen.

Wenn das schnell gehen muss, bleibt keine Zeit, den Computer im Handgepäck zu verstauen. Also gehört er in die Sitztasche. Die Branche diskutiert daher, ob ein neuer Standard für diese Taschen her muss. Die Sitztasche muss stark genug sein, damit der Laptop nicht trotz allem flügge wird.

In den USA dürfen Mobiltelefone während des Fluges noch nicht benutzt werden. Bislang befürchtete die FCC Interferenzen mit den Mobilfunknetzen am Boden. Dabei fliegen seit Jahren zahlreiche Flugzeuge in anderen Erdteilen mit kleinen Mobilfunkzellen (Picozellen) samt Satellitenanbindung. Deren Passagiere können ihre Mobiltelefone zu saftigen Roamingtarifen benutzen, wenn das Flugzeug oberhalb von 10.000 Fuß Höhe fliegt.

Dieser Ansatz wird nun auch in den USA diskutiert. Die Telecom-Regulierungsbehörde FCC hat ein Verfahren eingeleitet, eine öffentliche Konsultation läuft. Die FCC will es den Flugzeugbetreibern überlassen, ob sie Mobilfunkzellen an Bord installieren und ob neben Datendiensten und Textnachrichten auch Sprachtelefonie ermöglicht wird.

Laut Ian Dawkins von OnAir gibt es keine Beschwerden über störende Telefonate in Flugzeugen.

(Bild: Daniel AJ Sokolov)

An der Diskussion nahmen Vertreter der Fluggesellschaften Delta und JetBlue teil. Beide sprachen sich gegen Sprachtelefonie aus. Ian Dawkins, CEO von OnAir, brach hingegen eine Lanze für Sprachverbindungen. Seine Firma ermöglicht Mobilfunk in Flugzeugen mehrerer großer Fluggesellschaften, alleine im Dezember auf 16.000 Flügen. "Sprache ist ein wichtiger Teil des Dienstes", sagte Dawkins, "Die Leute wollen Kontakt mit dem Boden aufnehmen. Sie wollen mit ihren Familien sprechen."

In sechs Jahren Betrieb hat sich laut Dawkins noch niemand über störendes Geschwafel beschwert. Die Gespräche seien meist kürzer als zwei Minuten. Sie erfolgten fast ausschließlich kurz nach Aktivierung und kurz vor Deaktivierung des Systems, also in zeitlicher Nähe zu Start beziehungsweise Landung. Und bei Nachtflügen schalteten viele Fluggesellschaften die Sprachtelefonie ab, wenn sie das Licht in der Kabine dimmten.

OnAir wird Dawkins zufolge rege beansprucht. Auf den 16.000 Flügen im Dezember zählte OnAir 700.000 aktive Nutzer. 60 Prozent von ihnen verschickten E-Mails, 30 Prozent SMS und jeder Zehnte führe ein Telefonat. Auf Transatlantikflügen in die USA mit reiner Business-Class-Bestuhlung nutzten sogar 80 Prozent der Passagiere OnAir in der einen oder anderen Weise. (anw)