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Lehren aus dem BenQ-Debakel: Siemens streicht Stellen lieber selber

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Der Siemens-Konzern hat seine Lehren aus dem BenQ- Debakel gezogen. Wie einst die Handy-Produktion soll nun ein weiterer kümmerlicher Rest des einst stolzen Telekommunikations-Geschäfts losgeschlagen werden. Doch im aktuellen Fall der kriselnden Firmenkundensparte SEN will Siemens die Sanierung nicht noch einmal dem Käufer überlassen -- was aber nicht etwa heißt, dass die Arbeitsplätze bei der in Frage stehenden Sparte gesichert wären. Stattdessen will Siemens selbst den bösen Buben spielen und tausende von Stellen abbauen, bevor SEN verkauft wird. Auf diesem Weg soll der Arbeitsplatzabbau sozial abgefedert und die Zukunft des Geschäfts für die nächsten Jahre gesichert werden. "Wir wollen ein voll restrukturiertes Geschäft übergeben", sagt Siemens-Finanzvorstand Joe Kaeser. "Ein zweites BenQ wird es nicht geben."

Der Fall BenQ ist – neben dem Schmiergeldskandal – der zweite große Schatten auf der Siemens-Geschichte der vergangenen Jahre. Konzernchef Klaus Kleinfeld hatte die hochdefizitäre Sparte zu einem symbolischen Kaufpreis an den BenQ-Konzern abgetreten – und Siemens zahlte auch noch viele Millionen drauf. Nur ein Jahr später drehten die Taiwaner ihrer deutschen Tochter den Geldhahn zu, BenQ Mobile mit 3000 Beschäftigten in Deutschland ging Pleite. Manche Arbeitnehmervertreter witterten ein abgekartetes Spiel und warfen Siemens vor, man habe BenQ die Drecksarbeit machen lassen. Ein Vorwurf, den die Führung empört zurückweist. "Wir sind vom Unternehmen getäuscht worden", sagt Kaeser mit Blick auf den Käufer in Taiwan.

Die Parallelen zwischen der einstigen Handysparte und dem Bereich SEN, der Kommunikationslösungen für Firmenkunden anbietet, sind offensichtlich. Beide Sparten waren eine Zeitlang gut unterwegs, verloren dann aber den Anschluss an die Konkurrenz. "Das Geschäft war einmal ein sehr gutes", sagt Kaeser. "Das Unternehmen war aber, um es vorsichtig zu sagen, nicht an der Spitze der Innovation." Zuletzt machte SEN einen Jahresverlust vor Steuern von 600 Millionen Euro.

Die heutige Siemens-Führung macht dafür vor allem die Vorgänger verantwortlich. Jahrelang sei das Thema vernachlässigt worden, schon Kleinfeld habe die Sparte als Sanierungsfall übernommen. Ziel sei es nun, SEN als "gut ausfinanziertes, schuldenfreies Unternehmen" an einen soliden Käufer abzugeben. Als weitere Konsequenz aus den schlechten Erfahrungen mit BenQ kündigte Russwurm an: "Die Gelder für die betriebliche Altersversorgung werden so angelegt, dass sie nicht für andere Zwecke verwendet werden können."

Die BenQ-Pleite hatte das Siemens-Image schwer beschädigt, nun setzt der Konzern auf einen geordneten Übergang. Betriebsbedingte Kündigungen sind zunächst einmal ausgeschlossen, in einer Auffanggesellschaft werden betroffene Beschäftigte weiter qualifiziert. Damit habe der Konzern schließlich Erfahrung, sagt Personalvorstand Siegfried Russwurm. "Seit 2003 haben wir 13 solche Gesellschaften gegründet." Derzeit gebe es bei Siemens 3300 offene Stellen – die nun bevorzugt mit SEN-Mitarbeitern besetzt werden sollen. Allerdings räumt auch Russwurm ein, dass in der Regel Bedarf nach Ingenieuren und anderen hoch qualifizierten Fachkräften besteht. Ein Wechsel ist da nicht so einfach möglich.

Auch wenn sich Siemens um sozialverträgliche Lösungen bemüht, ist der SEN-Verkauf auch ein weiteres Eingeständnis des Scheiterns im einstigen Stammgeschäft. Der Traditionskonzern war 1847 als "Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske" in Berlin gegründet worden und war lange führend in der Kommunikationstechnik. Inzwischen ist die Handysparte Pleite gegangen, und das Festnetzgeschäft in ein Joint Venture mit Nokia ausgegliedert worden. Trauriger Rest sind noch die Schnurlostelefone (Gigaset). Eine Bestandsgarantie für diese Sparte wollte Kaeser lieber nicht abgeben. (Axel Höpner, dpa) / (jk)