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Lehren aus einem Standard-Schnellschuss

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Das Joint Technical Committee für Standardisierungsfragen der Informationstechnik (JTC001) bei der International Standardization Organization (ISO) hat Anfang Juli eine Ergänzung seiner Verfahrensrichtlinien herausgegeben. Die Anpassung lässt sich als Reaktion auf die zahlreichen Kritiken interpretieren, die es nach der forcierten Anerkennung des Dokumenten-Standards Office Open XML (OOXML), Grundlage der Default-Formate von Microsoft Office 2007, gehagelt hat. Insbesondere die während des 2008 praktizierten Schnellverfahrens vorgebrachten Einsprüche hätten bislang keine angemessene Berücksichtigung erfahren.

Während sich Microsoft mit Unterstützung des Fraunhofer FOKUS in Eigenregie bemüht, die viel beschworene Interoperabilität seiner Bürosuite mitsamt deren Standardformat zu dokumentieren und verbessern, grassieren aus den Reihen des weltweiten Standardisierungsgremiums Vorwürfe, die zögerliche Umsetzung der damaligen Monita disqualifiziere das Format als offenen Standard.

Das Joint Committee sieht einen Grund für die missliche Lage offenbar darin, dass das damalige EiIverfahren den maßgeblichen Länderorganisationen zwar eine dreißigtägige Einspruchsfrist eingeräumt hatte, dass die in dieser Zeit vorgebrachten Einsprüche aber kaum in realistischen Zeiträumen überprüft werden konnten. Jetzt haben die Standard-Gralshüter diese Einspruchsfrist durch einen pauschalen Prüfauftrag an die Gremienmitglieder ersetzt. Für die anschließende Abstimmung wurde die Option gestrichen, Monita einfach ohne Angabe von Begründungen abzulehnen. Ab sofort werden interessierte Seiten in Standardisierungsverfahren zumindest Ihre Argumente zu Protokoll geben müssen, warum sie einen Einspruch für irrelevant halten.

Wie die Website Pro-Linux händereibend verkündet, hat das JTC001 auch seine konkrete Haltung zur abgeschlossenen OOXML-Sanktionierung überdacht: Die ursprünglich eingebundene lobende Erwähnung der Mitwirkung von Jan van den Beld wurde entfernt. Van den Beld war in der maßgeblichen Zeit Generalsekretär des vorgeschalteten Standardisierungsgremiums ECMA (European Computer Manufacturers Association) gewesen, welches den Standardisierungsvorschlag für OOXML an die ISO überhaupt erst möglich gemacht hatte. Die Protagonisten des OpenDocument-Formats ODF hatten für diese vorgeschriebene Unterstützung eines fachspezifischen Normen-Gremiums die nahe liegende und übliche OASIS (Organization for the Advancement of Structured Information Standards) ins Feld geführt und mit deren Vorarbeit ODF schon vor OOXML zum ISO-Standard befördert. Microsofts Entscheidung für die in dieser Hinsicht nicht prädestinierte ECMA hatte damals Verdächtigungen provoziert, in diesem Gremium habe der Redmonder Riese besonders wenige Kritik zu erwarten. (hps)

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