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Lepra, Neutronenbomben und ein paar Linux-Credits

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Noch immer ist "Samizdat" nicht erschienen, das Buch der Alexis de Tocqueville Institution, in dem Kenneth Brown die Wurzeln von Linux in der Unix-Entwicklung verfolgt und aus der Geschichte die These extrapoliert, dass Linux das Produkt eines großen geistigen Diebstahls ist. Dennoch gibt es hitzige Debatten um Brown, seine Motive und seine Methodik. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der viel gescholtene Autor nicht mit Polemik spart: So charakterisiert er in seinen Repliken Linux als Lepra der Softwareindustrie; oder er spricht davon, dass Linux die Neutronenbombe für das geistige Eigentum ist, gezündet von Outsourcing-Projekten, die Amerika seiner Ideen berauben.

Gegen die Thesen von Brown haben zuerst die Personen Einspruch erhoben, die von ihm interviewt wurden. Fast alle bemängelten, dass sie sinnentstellend zitiert worden sind. Wie das Beispiel des erneut intervenierenden Informatik-Professors Andrew Tanenbaum zeigt, sind selbst seine Proteste gegen die Vereinnahmung von Minix als "Zeuge" des Code-Diebstahls von Brown verzerrt wiedergegeben worden.

Nun hat sich Ilkka Tuomi, ein finnischer Soziologe, mit einer wissenschaftlichen Untersuchung zu Worte gemeldet, die die Credit Files von Linux auswertet. Seine Untersuchung zur Herkunft der in den Credits genannten Linux-Programmierer ist Teil einer größeren Studie, die sich mit der Genesis von Linux beschäftigt. Sie nimmt sich aber auch die Thesen von Kenneth Brown vor: Tuomi ist von Brown ebenfalls zur Entstehungsgeschichte von Linux interviewt, seine Aussagen offensichtlich fehlerhaft dargestellt worden. Die Tatsache, dass Credits erst 1994 in Linux 1.0 auftauchen, kann Tuomi zufolge nicht als Beweis dafür gewertet werden, dass frühere Versionen (etwa 0.02 vom Oktober 1991) zusammengestohlen sind, wie dies von Brown behauptet wird. Vielmehr sei das Team der Kernentwickler so klein gewesen, dass jeder die anderen kannte und daher kein Bedarf für Credits vorhanden war. Tuomis Urteil zum Samizdat der Alexis de Toqueville Institution: "Es hat den Anschein, als ob dieser Report hauptsächlich geschrieben wurde, um die strategischen Interessen von Microsoft in amerikanischen Regierungskreisen zu vertreten."

Zu der Auseinandersetzung um "Samizdat" siehe auch:

(Detlef Borchers) / (jk)