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Lernen im Netz: Die Universitäten und die Online-Studiengänge

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Die deutschen Hochschulen gehen verstärkt ins Netz. Zu den herkömmlichen Angeboten treten immer mehr Studiengänge, die per Computer absolviert werden können. Chatrooms und elektronische Diskussionsforen ersetzen die Diskussion im Seminar, Übungsblätter gibt es per Download, die Betreuung erfolgt per E-Mail. Die Universitäten Erlangen-Nürnberg und Trier testen sogar seit rund einem Jahr die Abfrage von Prüfungsergebnissen per WAP-Handy.

Nach Angaben der Bund-Länder-Kommission (BLK) für Bildungsplanung und Forschungsförderung in Bonn gibt es in Deutschland rund 1600 Studienangebote, die zum Teil oder komplett im Netz organisiert werden. Vorbilder aus den USA und Großbritannien reichen bis zum Beginn der 80er Jahre zurück. Einer der ersten Anbieter in Deutschland war die tele-akademie an der Fachhochschule Furtwangen, die im Frühjahr 1996 das bundesweit erste rein virtuelle Weiterbildungsangebot startete. Seitdem halten Professoren dort Vorlesungen per Live-Übertragung. Fragen und Antworten in Online-Seminaren werden in Chatrooms und per E-Mail ausgetauscht.

Seit dem vergangenen Jahr fördert die Bundesregierung diese Entwicklung mit dem Programm "Neue Medien in der Bildung" mit rund 390 Millionen Mark. An vielen Hochschulen laufen Planungen und Pilotprojekte für das Online-Studium. In nahezu allen Bundesländern werden virtuelle Hochschulen eingerichtet und an einigen gibt es bereits ganze Studiengänge im Netz. Vier komplett virtuelle Studiengänge bietet etwa die Fernuniversität Hagen an. An vielen Instituten wird für einzelne Seminare auf das Internet zurückgegriffen. Rund 26.000 Studierende nutzen derzeit die Angebote im Lernraum Virtuelle Universität

Die Zahl der geplanten Projekte sei schwer zu beziffern, so Angela Degand von der Bund-Länder-Kommission. "Aber eigentlich kann es sich keine Hochschule mehr leisten, keine Online-Ergänzung zu ihren bestehenden Studiengängen anzubieten." Führend in der Planung seien die Disziplinen, in denen Studierende ohnehin viel mit dem Computer arbeiteten. Dazu zählen Degand zufolge Informatik, Mathematik, Ingenieurs- und Naturwissenschaften. "Aber auch in den Geisteswissenschaften tut sich einiges."

Die Hochschulen wollen auf eine neue Studentengeneration vorbereitet sein, die mit der neuen Kommunikationstechnik als Arbeits- und Lernmittel aufgewachsen ist, erläutert Burkhard Lehmann, Geschäftsführer des Zentrums für Fernstudien und universitäre Weiterbildung (ZFUW) an der Universität Kaiserslautern. "Wollen die überhaupt noch ständig in einen verstaubten Übungsraum gehen und sich Vorlesungen anhören?" -- das sei eine Frage, die sich alle Bildungseinrichtungen stellen müssten. An den Hochschulen sei für das Online-Studium jetzt eine "Start-up-Phase" notwendig. Diese müsse auch Betreuungsangebote und das Erforschen neuer Lerntechniken einschließen. "Es funktioniert nicht, einfach nur ein Vorlesungsskript ins Netz zu stellen."

In Hagen soll die Fernuniversität langfristig zur virtuellen Hochschule umgebaut werden. Seit 1996 werden hier bei Studierenden, die einen langen Anfahrtsweg in Kauf nehmen müssten, Prüfungen per Videokonferenz abgenommen. Rund 400 Studierende werden demnächst eine derartige Prüfung absolviert haben. Auch können die Studierenden online auf Seminartexte, Literaturlisten oder Bibliotheken zugreifen. Über Mailinglisten können sich die Teilnehmer untereinander vernetzen. Zudem wird ein Teil der Referate nicht mündlich abgehalten, sondern als Dokument auf die Seminar-Homepage eingespeist.

Diese Form des Lernens liegt nicht jedem Studenten. Viele hätten gar nicht erkannt, dass "das Online-Lernen ja auch ein Fernstudium ist", sagt Fernstudienexperte Burkard Lehmann. Die Schwierigkeiten dieser Art des Studiums seien altbekannt. Sie erfordere ein hohes Maß an Selbstmanagement und die Fähigkeit, mit der Isolation am Schreibtisch umzugehen. "Wir erleben heute gerade auch den ersten Frust im Cyberspace", sagt Lehmann. Das liegt laut Bildungsexpertin Degand auch an Problemen bei der Entwicklung der Angebote. Beratungsmöglichkeiten für die Lehrenden selbst, die vielerorts auf eigene Faust Aufbauarbeit leisten müssen, gebe es kaum. Selbst wenn solche Schwierigkeiten mit der Zeit geringer werden sollten: Lehmann zufolge wird auch die Universität der Zukunft niemals ganz im Netz aufgehen. "Es wird immer nur Mischformen von Präsenz- und Online-Studien geben. (Thorsten Wiese, dpa) / (jk)