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Les Blogs: Soziale Software, Firmen-Wikis und bezahlte Blogger

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Ross Mayfields Unternehmen Socialtext entwickelt Wiki-Software für den Unternehmenseinsatz. Mayfield orientiert sich dabei an der populären und freien Online-Enzyklopädie Wikipedia: "Wenn man sich Wikipedia anschaut, erkennt man, dass ein unglaublicher Grad an Zusammenarbeit durch den Einsatz recht einfacher Werkzeuge entsteht", erklärte er auf dem Kongress  "Les Blogs" in Paris. Auf Unternehmensebene könne dies zu neuen Wegen der Produktivität führen. Der Einsatz von Wikis sei dabei nahezu überall möglich: "Ob zur Dokumentation, als Projektplaner oder als Wissensspeicher." Mayfield glaubt, die gigantischen Enterprise-Dokumentenmanagementsysteme in Großunternehmen würden von den Mitarbeitern kaum eingesetzt, da sie zu kompliziert sind. "Social Software ist dagegen so simpel, dass die Leute sie gerne nutzen. Warum sollten sie es nicht innerhalb eines Unternehmens tun?"

Euan Semple von der britischen BBC gibt ihm Recht. Der auf der Insel zärtlich "Tantchen" genannte Sender nutzt seit sechs Monaten unternehmensintern Wikis. "Das wächst unglaublich schnell", berichtet Semple, "man findet dort inzwischen enorm viele Projektunterlagen, Einsatzpläne oder Brainstorming-Notizen." Vorher hatte der Sender eine komplizierte interne Webstruktur im Einsatz, die nach Aussage von Semple "fast niemand genutzt hat". Die Wikis seien hingegen schon nach zwei Tagen äußerst beliebt gewesen: "Die Leute fühlen sich wohl mit diesen kleinen Programmen." Die BBC setzt im Intranet neuerdings auch rund 70 Blogs ein. Semple: "Wir hatten vorher Webmaster, welche die kompliziertesten Organisations- und Team-Plattformen aufgesetzt haben. Seit wir Blogs nutzen, brauchen wir die fast gar nicht mehr." Ross Mayfield versucht, großen Firmen auch den Einsatz von RSS nahe zu legen. Seine Erfahrungen: "Man darf den Mitarbeitern während der Einführung nie erzählen, wie das eigentlich funktioniert. Das Beste ist, man sagt ihnen, es sei eine Art E-Mail -- nur ohne Spam. Dann lieben sie RSS."

In den USA versuchen mittlerweile mehrere Unternehmen, ganze Netzwerke von Berufsbloggern heranzuzüchten. Gaby Darbyshire von Gawker Media erklärt den Unterschied zu den klassischen Medienmodellen: "Abgesehen von den Honoraren für die Blogger und ein wenig Hosting-Gebühren hat man quasi keine Kosten. Das ist der große Unterschied zur Zeitungs- oder Magazinindustrie." Für die Blogger gebe es -- außer der Talentfrage -- praktisch keine Einstiegshürde. Allerdings müsse man sie motivieren, denn: "Gute Autoren schreiben nicht nur auf Grund des Geldes gerne für Mainstream-Medien, sondern auch fürs Renommee". Jason McCabe Calacanis betreibt mit Weblogs Inc. ein ähnliches Geschäftsmodell. Er ist sicher, dass die Kombination aus Blogger und Leserkommentaren sogar viel effektiver funktioniert als eine klassische Redaktion: "Wer schon einmal etwas Falsches gebloggt hat und direkt danach 30 verschiedene Richtigstellungen in den Kommentaren findet, weiß, was das für ein unglaubliches Gefühl ist." Auch den Korrekturprozess würden Blogger -- im Gegensatz zu Printmedien -- wesentlich transparenter gestalten: "Die falsche Information streichen wir durch und schreiben die richtige darunter. Dann kann jeder die Veränderung nachvollziehen."

Jochen Wegner, Wissenschaftsredakteur des Focus, zeichnet ein pessimistisches Bild der deutschen Bloglandschaft: "Deutschland ist definitiv Entwicklungsland in Sachen Blogs." Zur Untermauerung dieser These stellte er die Versorgung mit Breitbandanschlüssen und die Anzahl der Weblogs unterschiedlicher Länder gegenüber. Wegner: "Das ist recht fair, denn Bloggen ist ein Breitband-Phänomen." Legt man diese Zahlen zu Grunde, findet man Deutschland nicht nur weit hinter den USA und Japan, selbst China hat einen mehr als deutlichen Vorsprung. Aber Wegner hat noch weitere Thesen für die deutsche Blog-Verweigerung parat:

  • Es gebe nicht ein einziges wirkliches "Impact-Blog",
  • keine ernsthaft betriebenen professionellen Blogs
  • und sehr wenig qualitative Blogs.
  • Ferner seien die Eliten in Deutschland technologiefeindlich,
  • die Menschen würden sich sehr an Reputation orientieren,
  • in Deutschland existiere keine Kultur der Rhetorik,
  • und schließlich gebe es kein öffentliches Verständnis für Blogs oder wenigstens für die Idee des "Freedom of Speech".

Wegners Schlussfolgerung: "Ein deutscher Papst ist nicht genug, wir brauchen wenigstens fünf." (Mario Sixtus) / (jk)

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