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Letzter Akt in Wissenschafts-Betrugsskandal

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Die Universität Konstanz entzieht dem Physiker Jan Hendrik Schön den Doktortitel. Schön, der zuletzt bei den Bell Labs gearbeitet hatte, hatte mit gefälschten Messdaten 2002 einen der größten Skandale in der Geschichte der Physik ausgelöst.

In einer heute veröffentlichten Erklärung weist die Universität darauf hin, dass der Titel entzogen werden kann, wenn sich "der Inhaber durch sein späteres Verhalten der Führung des Grades als unwürdig erwiesen hat". Schön hat nun einen Monat Zeit, gegen den Bescheid Widerspruch einzulegen.

Bis 2002 galt Jan Hendrik Schön als Anwärter auf den Posten eines Direktors eines Max-Planck-Instituts und wurde hinter vorgehaltener Hand als potenzieller Nobelpreisträger gehandelt. Angeblich nach einem anonymen Hinweis aus den Bell Labs fiel Paul McEuen von der Cornell University jedoch im Mai 2002 auf, dass einige Messkurven in Schöns zahlreichen Veröffentlichungen scheinbar identisch waren, obwohl es sich um ganz unterschiedliche Experimente handelte. Lucent berief daraufhin eine unabhängige Untersuchungskommission ein, die die Vorfälle untersuchte.

Das Urteil, das die Kommission vorlegte, war vernichtend: Jan Hendrik Schön hat in mindestens 16 verschiedenen Fällen manipulierte Daten veröffentlicht. Ganze Datensätze, befand die Kommission, wurden anscheinend frei erfunden oder nachträglich so manipuliert, dass die Messwerte das gewünschte Ergebnis zeigten. Rohdaten existieren nicht mehr, weil Schön angeblich zu wenig Speicherplatz auf seinem Computersystem hatte und die Ursprungsdateien gelöscht hat. Die Proben für seine spektakulären Experimente waren entweder im Verlauf der Messung selbst zerstört worden oder so weit gealtert, dass sie nicht mehr für Kontrollmessungen verwendet werden konnten. Nachdem sie Schön fristlos gefeuert hatten, zogen die Bell Labs acht wissenschaftliche Aufsätze und sechs Patentanmeldungen zurück.

Schön hatte gemeinsam mit Kollegen eine Reihe von aufsehenerregenden Arbeiten zu Polymer-Lasern, organischen Transistoren und zur Supraleitung von Polymeren und Fullerenen publiziert: Dreh- und Angelpunkt bei vielen dieser Arbeiten war ein Feldeffekt-Transistor, dessen Gate-Isolator aus aufgesputtertem Aluminiumoxid besteht. Dieser Isolator erwies sich als außerordentlich spannungsfest und damit als Schlüssel zum Erfolg von Schön, denn die beteiligten Wissenschaftler konnten das aktive Material in dem FET auf diese Weise sehr hohen Feldstärken aussetzen. Und so führte Schön der staunenden wissenschaftlichen Öffentlichkeit nicht nur einen ambipolaren organischen Feldeffekt-Transistor vor, der sogar auch noch Licht emittieren konnte, sondern wenig später auch völlig neuartige supraleitende Materialien. (wst)