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LiMux: Münchner Stadtspitze stellt gesamte IT nebst Linux auf den Prüfstand

Münchens neuer Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) hat einen internen Bericht über das künftige IT-System der Stadtverwaltung in Auftrag gegeben, erklärte ein Rathaussprecher. Es solle dabei nicht nur um LiMux gehen.

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Stefan Hauf, Sprecher der Stadtverwaltung im Münchner Rathaus, hat Berichte zurückgewiesen, wonach die bayerische Landeshauptstadt gezielt eine Rückmigration von Linux zu Windows prüfe. Der neue Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) habe stattdessen eine Untersuchung der gesamten gegenwärtigen IT-Infrastruktur samt verbliebener Microsoft-Enklaven in Auftrag gegeben, erklärte Hauf gegenüber "Techrepublic".

Es gehe bei der Analyse nicht nur um den gegenwärtig in München eingesetzten LiMux-Client und darauf basierende Open-Source-Anwendungen, sondern um die gesamte "Organisation, die Kosten, die Leistungsfähigkeit, die Nutzerfreundlichkeit und die Zufriedenheit der Nutzer". Durchführen solle die Prüfung die interne IT-Abteilung. Bei Mitarbeitern des 2012 neu eingerichteten städtischen IT-Dienstleisters it@M war bis Mitte der Woche aber noch nichts bekannt von einem solchen Auftrag.

Der seit Mai amtierende Reiter ist ein bekennender Microsoft-Fan und vereinbarte mit Microsofts Deutschland-Ableger jüngst einen Deal, wonach dieser seine Zentrale von Unterschleißheim ins nahe München verlegen wird. Über den vor elf Jahren beschlossenen Wechsel zu Linux zeigte sich der Sozialdemokrat, der die vergangenen Tage im Urlaub weilte, "überrascht". Open-Source-Software hinkt ihm zufolge bekanntlich "gelegentlich den Microsoft-Anwendungen hinterher".

Für Reiters Vize, den CSU-Mann Josef Schmid, ist "das ganze Thema LiMux" Murks. Er bekomme in der gesamten Verwaltung immer wieder die Bestätigung, dass die Mitarbeiter darunter litten, gab er jüngst zu Protokoll. Wenn dies offiziell bestätigt werde, sei eine Rückkehr zu Microsoft nicht ausgeschlossen. Eine Anfrage von heise online zu Einzelheiten der Kritik, ihren direkten Bezug auf die verwendete freie Software und die im Raum stehende Prüfkommission ließ Schmid seit Dienstag unbeantwortet.

Die von der Rathausspitze gewünschte und angeblich "gerade begonnene" Studie soll Hauf zufolge nun herausfinden, welche Betriebssysteme und Anwendersoftware am ehesten geeignet seien, um die genannten Leistungskriterien zu erfüllen. Es sei auch denkbar, eine zweite Prüfung durch externe Experten in Auftrag zu geben. Die Ergebnisse könnten dann als Grundlage für einen neuen Beschluss des Stadtrats zur künftigen IT-Landschaft der Verwaltung dienen. IT-Experten der Abgeordnetenkammer hatten sich jüngst weitgehend hinter LiMux gestellt.

Den Grad der verwaltungsinternen Beschwerden über LiMux und die zugehörigen Programme bezeichnete der Sprecher als keine außergewöhnliche Erscheinung. Diese bezögen sich vor allem auf die Kompatibilität der von OpenOffice erzeugten Formate wie .odt mit den vielfach von externen Organisationen eingesetzten Dokumentenstandards aus Microsofts Bürosoftware. it@M plant, die rund 15.000 unter Linux laufenden Rechner von September an auf das LibreOffice-Paket umzustellen und so auch die Interoperabilität mit der Microsoft-Welt zu verbessern.

Aus informierten Kreisen erfuhr heise online, dass Verwaltungsmitarbeiter unter anderem den Einsatz völlig veralteter Versionen etwa von Firefox, Thunderbird und OpenOffice bemängeln, außerdem die Nutzung eines überholten Gruppenkalenders. Auch äußerst umständliche Anmeldeprozeduren auf Tablets und sehr restriktiv freigeschaltete Handys stoßen den Anwendern übel auf.

Die Stadtratsfraktion "Freiheitsrechte, Transparenz und Bürgerbeteiligung", zu der sich unter anderem Vertreter der Piratenpartei und der FDP zusammengeschlossen haben, hat derweil eine "umfassende Bestandsaufnahme" gefordert, wo "Reibungsverluste" bei LiMux liegen könnten. Sie hat dazu eine umfangreiche Anfrage an die Rathausspitze gestellt. Diese solle für jedes Referat detailliert Auskunft geben, "wo es hakt", unterstreicht der Pirat Thomas Ranft. Es müsse herausgefunden werden, ob Schwächen auf der Ebene der Verwaltungsstruktur, nicht geeigneter Hard- oder Software lägen oder ob es Kommunikationsmängel zwischen verschiedenen Abteilungen gebe.

Uwe Probst, Vizechef des netzpolitischen Vereins Load, brach unterdessen eine Lanze für LiMux. "München ist heute ein Vorreiter beim Einsatz freier Software und offener Standards in der öffentlichen Kommunalverwaltung", betonte der Liberale. Bestrebungen, diese Entwicklung rückgängig zu machen, seien "ein unerfreulicher Schritt zurück in die Abhängigkeit eines einzelnen Anbieters". Beim Setzen auf Microsoft stelle sich auch die Frage, ob die Daten der betroffenen Einwohner ausreichend vor dem Zugriff ausländischer Geheimdienste geschützt seien. (Stefan Krempl) / (bo)

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