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Liebe ist nicht alles -- Computerviren zwischen Kult und Chaos

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Mit einem Roundtable zum Thema "Computerviren zwischen Kult und Chaos" wurde die Ausstellung "I love you -- computer_viren_hacker_kultur am mak in Frankfurt am Main eröffnet. Das Museum für angewandte Kunst, in dem seit drei Jahren digitale Artefakte gesammelt werden, will mit der kleinen Ausstellung darauf aufmerksam machen, dass Viren auch als Kulturphänomene wahrgenommen werden müssen. Der Natur des Gegenstandes entsprechend sind die Viren "in the Zoo" auf isolierten Windows-Rechnern life zu sehen. Obendrein kann man Mitschnitte von Interviews mit Virenprogrammierern aus der VX-Szene am Bildschirm lesen und auf einem Security-PC Informationen zum Virenschutz anfordern. Die Informationen stammen von der Firma Symantec, die als Sponsor die erste Ausstellung dieser Art unterstützt.

Augenfälligste Exponate sind indes auf große Fahnen gedruckte Kunst-Viren, die vom italienischen Künstler/Programmierer-Kollektiv epidemiC für die Biennale 2001 in Venedig entwickelt wurden. So erzählt ein durchaus schädlicher (datenlöschender) Virus in seinem Source-Code die Geschichte von einem Virus, der auf eine Party geht und Spaß hat. Für Eric Chien, Leiter der Symantec Security Response, ist diese Darstellung problematisch. "Kunst suggeriert etwas Harmloses, was dieser Virus nicht ist. Auch wenn er nicht "in the wild" ist, so ist er doch von der Gruppe verschickt worden", erklärte Chien gegenüber heise online. Verwischt wird die Grenze auch durch Exponate zum Obfuscated C Code, wie dem von Chris Banks programmierten Flieger.

Neben den Exponaten gibt es eine instruktive historische Tafel zur Geschichte der Computerviren, die mit dem Aufsatz des Wissenschaftlers John von Neumann über "Theory and Organization of Complicated Automata" einsetzt, den dieser 1949 veröffentlichte. In ihm beweist von Neumann die Möglichkeit, dass sich Computerprogramme selbst reproduzieren können: Der Computervirus entstand zeitgleich mit den ersten Computern.

Etwas kurz kommen die schon im Titel genannten Hacker weg, deren Programmier-Kunststückchen allzu einfach dem Viren-Lager zugerechnet werden. Die Ausstellung, die symbolträchtig genug am 23. 5. (in memoriam Karl Koch) eröffnet wurde, geht wenig darauf ein, dass Hacker oftmals die Sicherheitslücken aufspüren, die dann von Vireoprogrammierern genutzt werden. Bleibt dem Besucher dieser Zusammenhang verborgen, so dürfte es ihm bei der Anti-Mafia ähnlich ergehen. Mit dieser "Action Sharing-Software" von epidemiC, einer auf Gnutella basierenden Demonstrations-Software, sollen die Besucher LOVE praktizieren, ausgeschrieben "Last Option Versus Enterprises". So soll gezeigt werden, dass Viren mehr als Computerprogramme sein können, dass es kulturelle Viren oder Memes geben kann, die in einem Netzwerk der Meinungen flottieren können.

"Wir wollen digitale Alltagskultur vermitteln, aber auch zeigen, wie eng Sprache und Codierung zusammenhängen", bestimmte Ausstellungsmacherin Franziska Nori das Konzept. Hat es Erfolg, soll schon im Herbst die nächste Software-Ausstellung folgen. Die Ausstellung ist vom 23. Mai bis 13. Juni im Museum für Angewandte Kunst, Schaumainkai 17 in Frankfurt, jeweils Dienstag bis Sonntag von 10 bis 20 Uhr zu sehen. Eintrittspreis 5 Euro. Zur Ausstellung ist für 20 Euro ein schmaler Katalog zu haben, in dem klassische Texte zur Virenproblematik und Überlegungen der beteiligten Künstler abgedruckt sind. (Detlef Borchers) / (jk)

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