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Links für "Lefties": Linkshänder erobern das Netz

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Ob beim Schreiben, Gitarre spielen oder am PC-Arbeitsplatz: Für Linkshänder ist der Alltag spiegelverkehrt. Jeder vierte Deutsche erledigt heute Schätzungen zufolge alles "mit links". Doch in einer Welt voller Rechtshänder haben sie es nicht immer leicht. Produkte, Lebenshilfe und Kontakt zu Leidensgenossen finden "linke Typen" im Internet.

Linkshänder wird, wessen rechte Gehirnhälfte dominanter ist, weiß man heute. Kindern einzubläuen, das "schöne Händchen", also das rechte, statt das bevorzugte zu verwenden, kann Wissenschaftlern zufolge psychische Schäden verursachen. Eltern, die nichts falsch machen wollen, sind verunsichert, beobachtet Johanna Barbara Sattler, Leiterin der Ersten deutschen Beratungs- und Informationsstelle für Linkshänder und umgeschulte Linkshänder in München. "Manche Eltern benötigen Rat, wenn ihr Kind beide Hände benutzt und sie nicht wissen, welche die richtige ist", nennt die Psychologin ein Beispiel.

Ein großer Teil der Beratung läuft über Telefon und Internet. Viele allgemeine Informationen, Tipps und Tricks, aber auch Hinweise zur Rückschulung von vermeintlichen Rechtshändern bietet die Einrichtung auf ihrer Webseite www.linkshaender-beratung.de. Sie richtet sich nicht nur an Eltern von Linkshändern. In einem "FAQ-Forum" können Nutzer Fragen loswerden. Sie werden von Experten – für alle Besucher sichtbar – online beantwortet. Oft sind es einfache praktische Fragen, die Nutzer verzweifeln lassen – etwa, wo sie spezielle Linkshänderscheren erhalten können, erläutert Sattler.

Wer im Geschäft um die Ecke danach fragt, wird selten fündig. "Es gibt sehr wenige Produkte für Linkshänder im herkömmlichen Einzelhandel", hat Hannelore Baust aus Erlangen festgestellt. Spezial-Artikel von der Gartenschere bis zur PC-Tastatur (mit Nummernblock auf der linken statt der rechten Seite) können Linkshänder bei ihr unter www.linkshaender-shop.de bestellen. Neben Bausts haben sich eine Reihe weiterer Fachgeschäfte auf den Online-Versand von Produkten für diese Klientel verlegt, zum Beispiel die Seiten www.linkshandversand.de, www.der-linkshaender-laden.de, www.linkshaender.de oder speziell für Kinder www.lafueliki.com.

Neben Schreib- und Büroartikeln wie Stiften und Scheren werden Dosenöffner und Korkenzieher stark nachgefragt, erzählt Hannelore Baust. Selbst einen Bumerang hat sie im Angebot – exklusiv für linke Hände, mit rechts schmiert er ab. "Minimal teurer" als normale Artikel sei das Sortiment, weil meist nur kleine Stückzahlen hergestellt werden, sagt Baust. Manche Wünsche könne sie nicht erfüllen, beispielsweise digitale Fotokameras für Linkshänder gebe es einfach nicht, E-Gitarren kaum.

Von der Suche nach speziellen Bassgitarren können auch Hobby-Rocker ein Liedchen singen. Früher glich sie jener nach der Nadel im Heuhaufen, erinnert sich Volkmar Arnecke aus Bielefeld. Das ist inzwischen passé, dem Internet sei Dank. Auf seiner Webseite www.leftybass.com sind Gesuche und Angebote von Instrumenten aus zweiter Hand und Links zu Herstellern zu finden. Außerdem bietet Arnecke dort linkshändigen Bassisten aus aller Welt Gelegenheit, sich und ihre Bands vorzustellen.

Per Mailing-Liste können sie in Kontakt treten. Die Resonanz ist groß: Jede Menge Porträts von "Lefties" – so nennen sie sich – auch aus den USA, den Niederlanden, Pakistan oder Brasilien sind dabei. Denn nicht nur Ex-Beatle Paul McCartney spielt sein Instrument mit links. "Es gibt viel mehr linkshändige Bassisten, als man glaubt", war Arnecke anfangs überrascht.

Zudem gibt es offenbar auch allerhand andere Linkshänder mit Vorliebe für das Netz. Aktualität und Umfang der vielen privaten Seiten schwanken aber erheblich. Erfahrungen und Ratschläge werden zum Beispiel im Forum für Linkshänder ausgetauscht. Boris Ruf aus Gomaringen (Baden-Württemberg) macht sich die Mühe, die weltweit größte Liste prominenter Linkshänder ins Netz zu stellen. Mehr als 850 Namen hat er zusammen, darunter Napoleon Bonaparte, Bill Gates und Diego Maradonna.

Sogar in einer eigenen Zeitschrift können "Lefties" stöbern. Als Sprachrohr jener Leidgeprüften versteht sich "Left Hand Corner" seit 1997. Die Web-Ausgabe des von Norbert Martin in Wuppertal herausgegebenen Magazins hat zwar eher den Charakter einer privaten Homepage. Viele online gestellte Artikel aus früheren Ausgaben sind aber durchaus lesenswert. Der Eindruck der Ein-Mann-Redaktion Martin: "Auch heute noch werden Linkshänder benachteiligt und dazu gezwungen, die andere Hand zu nutzen."

Dagegen wehrt sich eine "Linksanwältin". So nennt sich augenzwinkernd Inken B. Spreda, nach eigenen Angaben Ärztin und Linkshänderin, die unter www.linkshaenderseite.de Wissenswertes, kuriose Anekdoten, Adressen und Literaturtipps zum Phänomen der Linkshändigkeit zusammengetragen hat. Aufklärung wolle sie betreiben und dazu beitragen, dass die Bedürfnisse von Linkshändern stärker berücksichtigt werden, schreibt sie. Das beginnt für sie schon mit mehr Gleichberechtigung für die Internet- und SMS-Generation – etwa mit der Kultivierung des offiziellen Linkshänder-Smiley "(-:". (Berti Kolbow, dpa) (ssu)

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