Litauens Atomausstieg und der Kampf um Energieunabhängigkeit

Atomausstieg auf Druck: 2009 musste Litauen auf EU-Vorgabe das AKW Ignalina sowjetischer Bauart stilllegen. Das Baltikum stellt seitdem die Stromversorgung um.

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Das stillgelegte Atomkraftwerk Ignalina

(Bild: Schyll, CC BY-SA 3.0 )

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Die beiden rot-weiß gestreiften Abluftkamine sind schon von weitem zu erkennen. Markant ragen sie wie zwei Türme aus dem riesigen Gebäudekomplex in den Himmel. Darunter verbergen sich die Reaktoren des Atomkraftwerks Ignalina im Nordosten Litauens. Es sollte einst der größte Meiler der damaligen Sowjetunion werden – mit dem nahe gelegenen Visaginas wurde dafür sogar eine ganze Stadt für das Betriebspersonal aus dem Boden gestampft. Doch zum Jahreswechsel vor zehn Jahren ging die Anlage endgültig vom Netz. Litauen erfüllte damit eine Bedingung für die Aufnahme des Landes in die EU – und sucht seitdem nach neuen Wegen für seine Energieversorgung.

Mit der Stilllegung von Ignalina versiegte Ende 2009 die wichtigste litauische Stromquelle. "Sie hatte eine sehr negative Auswirkung auf unsere Energiebilanz: Anstatt ein Exporteur zu sein, wurden wir zu einem Importeur. Auch wirkte sie sich negativ auf den Energiepreis aus – der durchschnittliche Strompreis stieg um fast 30 Prozent", erinnert Staatschef Gitanas Nauseda an die Folgen der Abschaltung. Positiv vermerkt er den dadurch forcierten Ausbau der erneuerbaren Energie in Litauen.

Ignalina deckte seit 1983, als das Baltikum noch Teil der damaligen Sowjetunion war, rund 80 Prozent des heimischen Strombedarfs. Doch so wichtig die beiden Reaktoren vom selben Typ wie der Unglücksreaktor in Tschernobyl auch mit ihren Energieexporten für die Nachbarstaaten Estland und Lettland waren, so sehr versetzten sie das westliche Ausland in Sorge. 2004 ging entsprechend den Vereinbarungen mit Brüssel der erste, 2009 der zweite Block vom Netz – deutlich vor Ablauf ihrer technischen Lebensdauer.

Litauen, das sich dieser tiefgreifenden Veränderung nur widerwillig und schlecht vorbereitet gefügt hat, musste in der Folge nun Strom und Gas importieren. Und das ausgerechnet vom ungeliebten großen Nachbarn Russland, aus dessen Umklammerung man sich eigentlich lösen wollte. Politisch war dies damals knapp 20 Jahre nach der Loslösung von der Sowjetunion für manche der Super GAU: Energiepolitik wird in Vilnius bis heute als Frage der nationalen Sicherheit verstanden.

Dennoch beugte man sich der Vorgabe der EU. Im Gegenzug finanziert Brüssel zu weiten Teilen die Rückbaukosten und sagte Hilfe bei der Anbindung an die europäischen Energienetze zu. Ein 2009 verabschiedeter Verbundplan sieht den größtenteils bereits vollzogenen Ausbau von Starkstrom- und Gasleitungen zu den EU-Nachbarländern im Ostseeraum vor. Litauen nahm zudem ein eigenes Flüssiggas-Terminal im Ostsee-Hafen Klaipeda in Betrieb. Damit konnte die Abhängigkeit von Moskau reduziert werden, das lange auch seine wirtschaftliche Macht im Energiebereich als politisches Druckmittel einsetzte.

Der Hauptschritt zur infrastrukturellen Abkopplung steht allerdings noch aus: Weiterhin sind die Baltenstaaten Teil eines gemeinsamen, synchron geschalteten Stromnetzes mit Russland und Weißrussland – des noch aus Sowjetzeiten stammenden sogenannten BRELL-Ringsystems. Damit sieht Moskau genau, was im Energiesystem vor sich geht – etwa wie viel Strom wo produziert und wie viel importiert wird.

Doch dies soll sich ändern: Bis 2025 sollen Estland, Lettland und Litauen über Polen vollständig mit dem Rest Europas verbunden werden und in das europäische Netz integriert sein. Mitte des Jahres wurde dazu von der EU-Kommission und den baltischen Staaten ein Fahrplan zur Angleichung ihrer Stromnetze unterzeichnet. Aus Sicht Brüssel ist dies auch eine Grundlage für den Aufbau der geplanten Energieunion.

Die bestehenden Verbindungen werden dennoch wohl nicht alle gekappt werden. Erklärte Ziele sind die Diversifizierung der Energiequellen, Versorgungssicherheit und die Unabhängigkeit. Doch dies hat seinen Preis: Die Kosten für die Infrastruktur-Offensive bewegen sich im Milliardenbereich. Allein die Synchronisierung kostet nach Angaben des litauischen Energieministeriums geschätzte 1,6 Milliarden Euro. Russland drohte überdies bereits mit Entschädigungsforderungen.

"Wir werden alles daran setzen, diesen Prozess reibungslos und effektiv zu gestalten", betonte Nauseda nach einem Treffen der drei baltischen Präsidenten im Dezember in Riga. Auch seine Kollegen Kersti Kaljulaid (Estland) und Egils Levits (Lettland) bekräftigten ihre Unterstützung für das technisch anspruchsvolle Projekt, über das es in der Vergangenheit zu Meinungsverschiedenheiten kam. Nun soll es nach Vorstellung der Präsidenten auch zu einer grünen Energiepolitik ihrer Länder und dem Ziel der Klimaneutralität beitragen.

Kein Wort dagegen mehr ist zu vernehmen über ein neues Atomkraftwerk, das die baltischen Länder zusammen mit Polen planten – das Projekt liegt auf Eis. Errichtet werden sollte es in der Nähe von Ignalina, das idyllisch inmitten von Wäldern liegt und heute wie aus der Zeit gefallen wirkt. Im Inneren der riesigen Anlage, die auch als Drehort für die erfolgreiche Miniserie "Chernobyl" diente und nur nach einer strengen Sicherheitskontrolle betreten werden darf, gehen die Rückbauarbeiten voran. Gut 1800 Mitarbeiter sind damit beschäftigt.

"Die Arbeiten verlaufen planmäßig", erzählt Ignalina-Generaldirektor Audrius Kamienas. 2017 wurde ein Zwischenlager für abgebrannte Brennelemente in Betrieb genommen, 2027 soll mit der Demontage der Graphit-Reaktorkerne begonnen werden. Endgültig abgebaut sein soll das Kernkraftwerk dann 2038 – knapp drei Jahrzehnte nachdem es am Silvesterabend 2009 für immer heruntergefahren wurde. (mho)