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Londoner Krawalle: Powered by Blackberry?

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Die Krawalle und Unruhen in London haben in den letzten Stunden nichts an Heftigkeit verloren, im Gegenteil: Die Polizei scheint angesichts des massiven, gewalttätigen Ausbruchs an Unzufriedenheit und angesichts der Plünderungen, die auch von Mitläufer und Trittbrettfahrern verübt werden, vollständig überfordert. Inzwischen ist der erste junge Mann während der Ausschreitungen gestorben – er erlag seinen Schusswunden, mit denen er in ein Krankenhaus eingeliefert wurde. Der britische Premier David Cameron brach seinen Urlaub ab, verurteilte die Unruhen als "reine Kriminalität" und kündigte eine massive Aufstockung der Polizeikräfte an.

Im Zusammenhang mit den Ausschreitungen in London wird in britischen Medien derzeit heftig über die Rolle spekuliert, die Social Media im Allgemeinen und insbesondere der Blackberry-Dienst BBM dabei spielen. Gleichzeitig machen wilde Gerüchte die Runde, der Dienst könnte auf Anfrage der Behörden vorübergehend abgestellt werden, was TechRadar zunächst berichtet hat, jetzt allerdings für einen Hoax hält. Die englische Niederlassung von Blackberry-Anbieter RIM sah sich angesichts solcher Berichte zu einer knappen Stellungnahme auf Twitter genötigt, das Unternehmen stehe im Kontakt mit den Behörden und werde diese "unterstützen, wo wir nur können".

Dabei stützen sich die Berichte über die "Schlüsselrolle" des Blackberrys als Kommunikationsmittel der Randalierer bisher auf Indizien und die Statistik. Der Guardian zitiert aus einigen BBM-Nachrichten, in denen offenbar mehrfach zu Treffen und Plünderungen aufgerufen wird. Für die Behörden, denen die nur ansatzweise verschlüsselte Kommunikation über BBM erstmal verborgen bleibt, sind Twitter und andere öffentliche Netzwerke die Kanäle, die maßgeblich für die Ausbreitung der Krawalle verantwortlich gemacht werden. Unterdessen werden über die gleichen Kanäle auch die Aufräumaktionen der Bevölkerung organisiert.

Das mediale Interesse an Blackberry dürfte auch mit dem erst in der vergangenen Woche vorgelegten Jahresbericht der britischen Regulierungsbehörde Ofcom zusammenhängen. Demnach ist der Blackberry, der laut Marktforschern in Großbritannien einen Smartphone-Marktanteil von 10 Prozent hat, bei jungen Briten gerade sehr populär. Der Ofcom-Studie zufolge besitzen 89 Prozent der Briten ein Mobiltelefon: 26 Prozent ein Smartphone, 63 Prozent ein normales Handy. Bei jungen Briten ist der Anteil der Smartphone-Besitzer deutlich höher: 47 Prozent der 12- bis 15-jährigen Teens und die Hälfte der 16- bis 24-Jährigen besitzen so ein Gerät.

Und in genau diesen Altersgruppen ist Blackberry die Smartphone-Marke der Wahl: 37 Prozent der Smartphone-Besitzer in diesen Altersgruppen nennen einen Blackberry ihr Eigen – wohl wegen des kostengünstigen Messaging-Dienstes. Dabei ist das RIM-Smartphone vor allem bei Mädchen beliebt: 44 Prozent der weiblichen Teens mit Smartphone haben einen Blackberry, bei den Jungs in dieser Altersgruppe sind es nur 28 Prozent.

Ein Vorteil, den der Blackberry für die Randalierer haben soll, ist die verschlüsselte Kommunikation. Blackberrys großes Privacy-Versprechen gilt aber im Wesentlichen für Unternehmenskunden, die einen eigenen Blackberry-Enterprise-Server betreiben und damit auf End-to-End-Verschlüsselung bauen können. BBM wird bei Privatkunden über Server von RIM abgewickelt. Die Nachrichten werden auf den Endgeräten mit einem einzigen, für alle Blackberrys identischen globalen Schlüssel ver- und entschlüsselt und sind damit im Prinzip auch nicht sicherer als eine SMS (die bei Teenies ja auch sehr populär sein soll). Vor dem Zugriff der Behörden ist BBM damit natürlich nicht sicher: Im Falle des Falles wird auch RIM nicht umhinkommen, Informationen über Nutzer an die Ermittler herauszugeben.

Unter welchen Bedingungen das geschieht, regelt das britische Recht. "Wie andere Provider im United Kingdom auch" halte sich Blackberry an die Gesetze und kooperiere entsprechend mit den Behörden, erklärte ein Sprecher. "Plünderer auszuliefern" liegt also eher nicht in der Macht und den rechtlichen Möglichkeiten von RIM. Denn sie sind ebenso verpflichtet, britische Daten- und Verbraucherschutzgesetze zu achten, wie gegebenenfalls einer richterlichen Anordnung Folge zu leisten – und die brauchen die Behörden, wenn sie Zugriff auf die bei RIM gespeicherten verschlüsselten Nachrichten haben wollen.

An andere Daten kommen die Ermittler womöglich leichter. Der in Großbritannien umstrittene Regulation of Investigatory Powers Act 2000 (RIPA) ermächtigt eine Vielzahl an Behörden zu verschiedenen Überwachnungsmaßnahmen. Demnach könnten die Ermittler bei RIM Einsicht etwa in Verkehrsdaten der Netzbetreiber nehmen und anhand dieser Daten Bewegungsprofile bestimmter Blackberrys – und deren Besitzer – erstellen. Darüber hinaus enthält der RIPA eine Klausel, die Providern im Falle des Falles verbietet, Details der Zusammenarbeit mit den Behörden öffentlich zu machen.

Zu den Unruhen in London und anderen britischen Städten siehe auch:

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