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"Lügenpresse": Aktionismus hilft nicht gegen Desinformation im Netz, sagen Experten

Medienkontrolleure und -psychologen plädieren für ein "feinfühliges Aufsichtsverhalten" angesichts zunehmender Online-Propaganda und Lügenpresse-Vorwürfen. Der "harte Kern der Trolle" dürfe nicht gefüttert werden.

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Medienpsychologe Frank Schwab meint, dass die Jugend generell viel reflektierter und moralisch integrer sei als vielfach angenommen.

(Bild: dpa, Patrick Seeger)

Jochen Fasco, Direktor der Thüringer Landesmedienanstalt, hat angesichts immer wieder hochkochender Debatten über Hass, Propaganda und Desinformation im Internet zu relativer Gelassenheit gemahnt. Gerade er als Medienkontrolleur frage sich angesichts der lautstarken Beschwerden über eine "Lügenpresse", ob an den Vorwürfen etwas dran sein könne, erklärte Fasco am Mittwoch auf einer Veranstaltung des Grimme-Instituts in Berlin.

Eine direkte Kontrolle der Medienanstalten über Telemedien sei rechtlich nicht vorgesehen, führte Fasco aus. Man könne Kritik üben, aber insgesamt sei im Netz ein "feinfühliges Aufsichtsverhalten" gefragt. Wenn die Aufseher schwarze Schafe unter den Informationsanbietern etwa mithilfe der Länderbehörde jugendschutz.net "zu packen" suchten, seien diese schnell im Ausland. Auf Fehlentwicklungen einzugehen sei so "manchmal Sisyphosarbeit".

Am wichtigsten ist es laut Fasco, jungen Menschen beizubringen, mit der schnelllebigen neuen Medienwelt umzugehen. Es müsse erkennbar werden, "wer hinter diesen Dingen steht und was steuert". Faktenchecks etwa von Öffentlich-Rechtlichen dürften nicht schaden, aber auch den Privaten "können wir nicht nur erlauben, viel, viel Geld zu verdienen", ohne sie an ihre ethische Verantwortung zu erinnern. Weghören gehe nicht: "Unsere Demokratie muss und kann einiges aushalten."

Gerd Bauer, Chef der Landesmedienanstalt Saarland, erinnerte daran, dass "Meinungs- und Informationsfreiheit Verfassungsrechte sind". Die Kontrolleure dürften daher "nicht einfach regierungskritische Programme abschalten", auch wenn man sich etwa über die auf RT Deutschland verbreitete russische Weltsicht aufregen könne. Um "falschen Propheten im Netz" nicht auf den Leim zu gehen, müsse der "mündige Bürger" über Informationen nachdenken.

In der mit dem Internet entstandenen "sehr diversen Medienlandschaft" gebe es keinen "Mainstream" der Öffentlich-Rechtlichen mehr, der die Persönlichkeitsbildung schon früh beeinflussen und "korrigierend" wirken könne, führte der Würzburger Medienpsychologe Frank Schwab aus. Online sei jeder mehr oder weniger konfrontiert mit einem System, "das Krach macht". Es sei anstrengend, da immer gegen zu halten und Menschen mit anderen Fakten umzustimmen. Eine große Gruppe einer relativ stabilen Mitte bringe sich nach wie vor nicht ein – im Gegensatz zu "Hochinvolvierten" auf den Randseiten. Schwab empfahl, den sich dabei abzeichnenden "harten Kern der Trolle nicht zu füttern".

Algorithmen etwa in sozialen Netzwerken könnten Filterblasen und Desinformation verstärken, monierte Schwab. Wie bei Viren-Hoaxes sei es aber mit ein paar Mausklicks in der Regel möglich, Gegenbeispiele und Fehler in vielfach geteilten Meldungen zu finden. "Die Jugend" sei in dieser Disziplin versiert und generell viel reflektierter und moralisch integrer als vielfach angenommen.

Dass auch die klassischen Medien die ein oder andere Bedrohung hochspielen, untermauerte Schwab mit einer Twitter-Analyse. Viel sei davon zu lesen oder zu hören, dass in dem sozialen Netzwerk islamistische Ansichten dominierten, erläuterte der Forscher. In einer Untersuchung von 12.450 englischsprachigen Tweets sei aber herausgekommen, dass in einer daraus gebildeten Teilstichprobe von 826 Beiträgen zwar 396 auf radikales Gedankengut verwiesen, nur 14 aber für den Dschihad warben. Bei zehn davon habe es sich um mehrfach geteilte Postings gehandelt. Die Mehrzahl der extremistischen Twitterbeiträge sei anti-islamisch gewesen.

"Vorbildliche Praxis" und "guten journalistischen Stil" bezeichnete der Geschäftsführer des Deutschen Presserats, Lutz Tillmanns, als die besten Möglichkeiten für Medienmacher, "sich unverzichtbar zu machen". An die Verleger appellierte er, "Redaktionen nicht auszudünnen". Die Leiterin des Grimme-Instituts, Frauke Gerlach, warb für "gründliche Recherche auch beim Druck, im Netz sehr schnell etwas darzustellen". (Stefan Krempl) / (kbe)

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