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MINT-Fachkräfteengpass: Weniger Akademiker, mehr Facharbeiter

Bislang war die Lücke bei Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik (MINT) bei Akademikern am größten. Jetzt werden technische Facharbeiter gesucht.

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Büro, Arbeitsplätze

(Bild: 889520, gemeinfrei (Creative Commons CC0))

Nie war der Bedarf an technischem Personal in Deutschland so groß wie derzeit. Das Institut der deutschen Wirtschaft IW Köln kam in seinem MINT-Frühjahrsreport 2018 auf eine beunruhigend hohe Zahl: Ende April gab es 315.000 vakante Stellen für MINT-Arbeitskräfte. Das ist der höchste Stand seit Beginn der Datenerhebung des IW vor sieben Jahren in den Berufen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik (MINT).

Doch während Branchenverbände über einen Mangel an Fachkräften klagen, verwendet das IW wie auch die Bundesagentur für Arbeit ein seriöseres Wort und spricht von Engpässen. Für die Arbeitsagentur liegt ein solcher vor, wenn innerhalb einer bestimmten Zeit Stellen nicht besetzt werden können. Stark steigende Einstiegsgehälter wären ein eindeutiges Zeichen dafür, dass ein Mangel in bestimmten Berufsgruppen herrscht. Tun sie aber nicht: Die Erhöhung der Einstiegsgehälter in MINT-Berufen liegt nur leicht über dem aller Berufe, so das Vergleichsportal gehalt.de.

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Zu Arbeitsplätzen und Stellenangeboten in der IT-Branche siehe auch den Stellenmarkt auf heise online:

Bei der Berechnung der Lücke gehen das IW und die Arbeitsagentur ähnlich vor: "Wir nehmen die Anzahl gemeldeter offener Stellen, multiplizieren die mit einem Faktor, weil nur ein Teil der vakanten Stellen gemeldet wird, ziehen von diesem Wert alle Arbeitslosen dieser Berufe ab und kommen so auf rund 315.000", erklärt Professor Axel Plünnecke, Leiter Kompetenzfeld Bildung, Zuwanderung und Innovation am IW. Laut Bundesagentur für Arbeit liegt die Meldequote der Unternehmen bei 50 Prozent.

Die Unterscheidung ob Mangel oder Engpass ist deshalb so wichtig, weil in den vergangenen Jahren häufig über einen Fachkräftemangel diskutiert wurde, etwa einen drohenden Ingenieurmangel. Es war zu befürchten, dass das permanente Klagen der Branchenverbände zu einem Ingenieurüberschuss führt, weil zu viele junge Leute in ein Ingenieurstudium gedrängt wurden. Doch ein Mangel trat bis heute nicht ein. Auch, weil die Zahlen der Studenten in den Ingenieurwissenschaften stark anstiegen.

Das statistische Bundesamt teilt mit, dass sich die Zahl der Absolventen in den Ingenieurwissenschaften zwischen 2007 und 2016 glatt verdreifacht hat auf 135.500. "Bei den MINT-Akademikern stellen wir eine nur leicht steigende Lücke fest", sagt Plünnecke.

Das habe vor allem zwei Gründe: Die gestiegenen Studentenzahlen decken den Bedarf und jeder zweite Ausländer, der in Deutschland studiert, ist in einem MINT-Fach eingeschrieben. "Die Gesetze der Naturwissenschaften gelten weltweit, das macht es Ausländern einfacher, in Deutschland zu studieren und anschließend zu bleiben oder mit einem Abschluss im Ausland bei uns zu arbeiten." Anders ist das beispielsweise in Jura.

Fachkräftemangel

Fachkräfte- und Nachwuchsmangel vor allem in naturwissenschaftlichen und technischen Berufen gefährdet nach Ansicht von Experten und Firmen die deutsche Wirtschaft. Wie es um den Fachkräftemangel allerdings tatsächlich bestellt ist, dazu gibt es immer wieder unterschiedliche Ansichten, vor allem, wenn es um Arbeitsbedingungen, Ausbildung und Einwanderung geht.

Die steigenden Studentenzahlen sind die Konsequenz des Trends zur Höherqualifizierung: Gut die Hälfte der Jugendlichen schließt die Schule mit der Hochschulreife ab, um anschließend zu studieren. Mehr Akademiker bedeutet zwangsläufig weniger Lehrlinge. "Vor einigen Jahren fehlten vor allem MINT-Akademiker, heute sind es in steigendem Maße MINT-Facharbeiter, Meister und Techniker", fasst Plünnecke die Studienergebnisse zusammen. Zwei von drei der offenen Stellen richten sich an diese Zielgruppen.

Außerdem gibt es eine deutliche Verschiebung in Richtung Engpässe bei IT-Berufe. In denen ist unter allen MINT-Berufen die Lücke am größten. Die Digitalisierung in allen Bereichen unseres Lebens ist der große Treiber dafür.

Wie bei den Studenten können ausländische Fachkräfte die MINT-Lücke nicht decken, weil es keine international vergleichbaren Ausbildungen gibt. Das geht nur national. Der Weltmarktführer bei Motorsägen Stihl aus Waiblingen hat deshalb die Anzahl seiner Azubis von 60 im Jahr 2017 auf 104 im neuen Ausbildungsjahr 2019 erhöht. Der stärkste Anstieg findet in den Fachbereichen Informatik, Elektronik und Mechatronik statt.

Auch ebm-papst, Weltmarktführer von Ventilatoren, etwa für Computer, rekrutiert einen Großteil seiner späteren Fachkräfte über die eigene Ausbildung. Aktuell bildet das Unternehmen mit Sitz in Mulfingen, Baden-Württemberg, in 19 Berufen rund 350 Azubis und duale Studenten an den deutschen Standorten aus. Jeder fünfte der neuen Azubis und Studenten im gewerblichen Bereich ist eine Frau. Das kommt nicht von ungefähr.

"Um ausreichend Fachkräfte für die MINT-Berufe zu gewinnen, versuchen wir junge Menschen schon früh für Technik zu begeistern", sagt Markus Löw, Leiter Personalservice bei ebm-papst. Das Unternehmen geht mit MINT-Projekten in Kindergärten und Schulen, richtet regional Jugend forscht aus und kooperiert eng mit den Hochschulen und Studenten in der Umgebung.

"Stellen, die nicht besetzt werden können, gefährden unsere Wachstumschancen", sagt Professor Plünnecke und mahnt: "Dabei kommt der demografische Wandel erst noch." Dann gibt es längst nicht so viele Junge, die die Masse ausscheidender Älterer ersetzten können. Egal ob als Facharbeiter oder Akademiker. (Peter Ilg) / (jk)

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