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MINT-Studie: Nur ein Prozent der Neuntklässler nutzt Computer an der Schule

Schule und Eltern haben großen Nachholbedarf bei der Vermittlung digitaler Fertigkeiten, ergibt sich aus dem "MINT-Nachwuchsbarometer 2017". Nur 15 Prozent der Schüler könnten sich einen naturwissenschaftlich orientierten Beruf vorstellen.

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MINT-Studie: Nur ein Prozent der Neuntklässler nutzt Computer an der Schule

(Bild: MINT-Nachwuchsbarometer)

Der Fachkräftemangel im IT-Bereich und verwandten Sektoren dürfte ohne größere Anstrengungen kaum bald beseitigt werden können. Davor warnen die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften Acatech und die Körber-Stiftung in dem von ihnen am Donnerstag veröffentlichten "MINT-Nachwuchsbarometer 2017". Mangelnde zeitgemäße IT-Ausstattung der Schulen und fehlende Fort- und Weiterbildungen von Lehrkräften tragen demnach dazu bei, dass die Fächergruppen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT) nach wie vor nicht sonderlich stark gefragt seien und Deutschland bei den digitalen Kompetenzen im internationalen Vergleich nur einen Platz im oberen Mittelfeld erreiche.

Das Nachwuchsbarometer erforscht individuelle Motivationen und gesellschaftliche Entwicklungen bei MINT-Studiengängen und -Berufen. Die Verfasser werten dafür nach eigenen Angaben vorliegende Datenquellen aus und führen sie in einer Metastudie zusammen. Die Analyse soll als Frühwarnsystem und Entscheidungshilfe für Politiker, Pädagogen und Projektmacher dienen. Schwerpunkt der diesjährigen Studie war das Thema "Bildung in der digitalen Transformation", die eingeflossenen Statistiken stammen aus 2015 und 2016.

73 Prozent der Neuntklässler nutzen Computer fast täglich zuhause, aber nur ein Prozent auch in der Schule, ergab sich aus der Analyse. "In Deutschland erwerben Schüler ihr digitales Know-how weitgehend in der Freizeit", kommentierte der wissenschaftliche Projektleiter des Trendreports, Ortwin Renn, diese Zahlen. Derlei Kompetenzen, die im Berufsleben vielfach gefragt seien, ließen sich aber "mit Tafel und Kreide nur schwer aufbauen".

Auch in den Grundschulen wird zögerlich mit digitalen Mitteln gelehrt: Nur 20 Prozent der 6- bis 8-Jährigen haben regelmäßig Unterricht am PC, nutzen ihn in Pausen oder Nachmittagsangeboten. An weiterführenden Schulen sind die Lehrinhalte überwiegend zu 81 Prozent auf Internet-Recherchen und zu 73 Prozent auf die Bedienung von Programmen ausgerichtet. Technische Grundlagen oder das Programmieren einer Website werden mit 36 beziehungsweise 26 Prozent nicht so oft vermittelt.

"Wir alle nutzen digitale Medien, blicken aber selten hinter die Benutzeroberfläche", gab Matthias Mayer, Leiter des Bereichs Wissenschaft bei der Körber-Stiftung, zu bedenken. "Dabei wird unsere Welt zunehmend durch Programmcodes gesteuert." Nur Anwendungskompetenzen zu vermitteln, greife daher zu kurz. Digital mündig würden Schüler erst, "wenn sie die Technik in ihrer grundlegenden Funktionsweise sowie ihrer sozialen und ethischen Dimension verstehen".

Eltern sind laut der Untersuchung erster Ansprechpartner ihrer Kinder, wenn es um den Umgang mit digitalen Geräten geht. 29 Prozent stoßen laut eigener Aussage aber selbst an Grenzen, wenn sie Computer oder Smartphones benutzen, und machen ihrem Nachwuchs keine Vorgaben, welche Inhalte er sich im Netz ansehen darf. 59 Prozent sprechen sich dafür aus, dass die Schule Programmierkenntnisse vermittelt und über 80 Prozent wollen in Sachen digitaler Bildung mit Schule und Ausbildern an einem Strang ziehen.

Die Lehrkräfte selbst seien keine Technikmuffel, sähen aber Nachholbedarf bei der eigenen digitalen Anwendungskompetenz, heißt es in dem Bericht. Nur jeder fünfte Pädagoge wurde im Studium auf den Einsatz digitaler Medien im Unterricht vorbereitet, entsprechend weitergebildet haben sich im Schuljahr 2015/16 knapp über 50 Prozent. Die Autoren fordern daher ein "Update" bei der digitalen Bildung mit einer besseren Qualifizierung der Lehrer und einem gezielten Ausbau von Angeboten zur Talent- und Motivationsförderung. Erste "MINT-freundliche Schulen" hat die Gesellschaft für Informatik und der Verband der Internetwirtschaft eco derweil bereits ausgezeichnet.

Folge der bestehenden Misere ist laut der Studie, dass sich hierzulande nur 15 Prozent der Schüler einen naturwissenschaftlich orientierten Beruf vorstellen können. Damit zähle Deutschland im OECD-Vergleich von über 60 Ländern zu den Schlusslichtern. Spitzenreiter wie Großbritannien mit 29 oder die USA mit 38 Prozent entsprechender Quote machten vor, "wie sich junge Menschen für MINT begeistern lassen". Der Anteil der Studienanfänger in MINT-Fächern habe sich hierzulande mit 39 Prozent kaum verändert. Das Fach Informatik holte zwar auf, rückläufig sei aber das Interesse an Elektrotechnik und Maschinenbau. Der Frauenanteil in den MINT-Fächern an den Unis verharre mit 31 Prozent auf niedrigem Niveau. (anw)

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