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MTV-Jubiläum: 25 Jahre Fernsehen für Vollidioten

Nur ein paar Tausend Zuschauer haben es wirklich gesehen. Am 1. August 1981 ging MTV in einem lokalen Kabelnetz des US-Bundesstaates New Jersey auf Sendung. Programmatisch und keck hieß der erste Song, der über das neue Musikfernsehen in die Wohnzimmer flimmerte, "Video Killed the Radio Star". Was es aber nie wirklich geschafft hat, weshalb einer der singenden Buggles jetzt lieber Hollywoodschinken vertont. Von den paar Zuschauern dürften die meisten dann sofort wieder ausgeschaltet haben. Als nächstes lief Pat Benatar.

Die Auswahl war eben nicht so groß damals. Glaubt man Medienberichten, gab es '81 überhaupt nur knapp 180 Videos, unter denen Rod Stewart grotesk überrepräsentiert war. Schwierige Startbedingungen also für ein neues Medium, das als reiner Spartenkanal die teuren Programmpakete der Kabelnetzbetreiber legitimieren helfen sollte. Aber die Musikindustrie half gerne. Geld war damals noch genug da. Mehr Videos wurden gedreht, viele teuer, manche auch gut. John Landis durfte 1983 eine Million US-Dollar für ein Video mit Michael Jackson verballern. Das war, bevor sich Jacko in sein eigenes Freak-Universum zurückzog. Das war die goldene Zeit von MTV. Den ganzen Tag gab es Musik im Fernsehen, egal was man gerade machte. Das Mehrwerthäppchen der Kabelanbieter lieferte den Soundtrack einer ganzen Generation, mit den dazugehörigen Bildern. In Deutschland mussten wir noch ein paar Jahre darauf warten, Teil der MTV-Generation zu werden. Erst ab 1987 schwappte die Musikwelle auch durch europäische Kabelnetze.

Man muss rückblickend sagen, dass MTV das Fernsehen revolutioniert hat. Natürlich gibt es die Nörgler, die im Erfolg des Musikfernsehens nur den erfolgreichsten Angriff kulturloser Amerikaner auf unsere Tradition des Geistes sehen. Oft sind das die gleichen Pessimisten, die ins Programmkino rennen und "Being John Malkovich" ganz toll finden. Der Mann hinter diesem Indie-Hit ist ein Produkt von MTV. Er wurde 1969 geboren und ist mit MTV aufgewachsen, er hat Videos für MTV gedreht, er produziert Shows für MTV, er hat Hollywood mit MTV verheiratet. Wer Christopher Walken in einem Video von Fatboy Slim tanzen lässt, kann kein schlechter Mensch sein. Deshalb durfte Spike Jonze auch mal Sofia Coppola küssen.

Typisch MTV ist, dass ausgerechnet Arthouse-Darling Jonze hinter einer der umstrittensten Sendungen der letzten Jahre steckt. Er hat "Jackass" erfunden, also die Sendung, in der ein paar als halbnackte Vollspacken auftretende Stuntmänner in Berge aus Elefantenscheiße springen oder sich gegenseitig Strom durch die Brustwarzen jagen. Der von besorgten Eltern reflexhaft beschworene Untergang des Abendlandes ist ausgeblieben. MTV sah sich allerdings genötigt, den vornehmlich jungen Zuschauern von einer Nachahmung abzuraten. Don't try this at home, kids. Sie haben es trotzdem getan, ihre Videos kann man sich bei YouTube ansehen.

Heute erreicht MTV mit einem internationalen Netzwerk von 78 Sendern weltweit 1,3 Milliarden Menschen in 179 Ländern. Der Sender hat sich längst verändert. Musikvideos gibt es nur noch selten – zumeist nachts – zu sehen. Aus MTV ist ein dickes Unterhaltungspaket auf Speed geworden. Eine Fülle neuer Formate wechselt sich in bunter Reihe ab, da ist für jeden was dabei. Während die Schrauber von West Coast Customs dank "Pimp my Ride" längst nicht mehr nur bei Opelclubmitgliedern Kultstatus genießen, gibt "Date my Mom" tiefe Einblicke in die Psyche amerikanischer Familien frei. Dank "Spring Break" wissen wir, dass der Ballermann kein rein europäisches Problem ist. "Beavis and Butthead" sorgen seit 1993 für elterliches Kopfschütteln und Begeisterung in der Zielgruppe. Die beiden vollverblödeten Highschool-Kids repräsentieren das Bild, das sich die besorgte Erwachsenenwelt vom MTV-geschädigten Jugendlichen macht. He he he. So umarmt der Sender seine Kritiker.

Die sagen zum Beispiel, MTV sei längst degeneriert, habe seine innovative Kraft verloren. Stimmt, denn die hatte das Musikfernsehen durchaus mal. Als die Musikindustrie noch nicht von einer international agierenden Verschwörung filesharender Kids an den Rand des Ruins getrieben wurde, hatte sie noch Geld und Mut. Nicht jedes Video war ein Kunstwerk (erinnert sich noch jemand an Pia Zadora und Jermaine Jackson?), aber ein paar kreative Köpfe haben das Potenzial der Musikfilmchen erkannt und mit fortschreitender Technik die Grenzen des Mediums immer neu definiert. MTV hat die Sehgewohnheiten einer ganzen Generation geprägt. Das visuelle Vermächtnis der Videos und des On-Air-Design, gerne als "MTV-Ästhetik" abqualifiziert, ist in jeder Fernsehsendung, die durch den Äther flimmert, zu spüren. Trotzdem ist Chris Cunninghams Video zu Aphex Twins "Window Licker" heute noch aufregender als nahezu jede TV-Show.

MTV ist Popkultur. MTV ist aber auch Teil des Medienimperiums von Sumner Redstone. Der US-Milliardär hat mit seiner Viacom die Finger unter anderem in Hollywood (Paramount), anderen Kabelkanälen und klassischen Fernsehsendern. MTV ist also auch ein Geschäft. Und das verlangt nach einem Umbau zu einem Entertainment-Vollprogramm, auch hierzulande, wo Viacom zuletzt den einzigen MTV-Konkurrenten Viva geschluckt hat und umbauen will. Mit dem ganzen Formatprogramm, den bombastischen Preisverleihungen (seit 1984 gibt es die MTV Awards, später kamen die MTV Movie Awards sowie die European Music Awards dazu), Dating Shows und Reality TV ist das Musikfernsehen 25 Jahre nach Sendestart zwischen all der Klingeltonwerbung kaum wiederzuerkennen. Die nächsten 25 Jahre werden anders, soviel ist sicher.

Mit 25 ist MTV jetzt ein Jahr älter als die Kernzielgruppe. Ein Vierteljahrhundert geht durchaus als erwachsen durch, da kann man auch ein bisschen Kritik vertragen. Denn eines hat der Sender ganz klar verbrochen: Reality TV. Die bis heute in zahllosen Aufgüssen gesendete Reality-Soap "Real World" hat ein ganzes Genre geprägt, ohne das wir gut leben könnten – es aber bis heute nicht dürfen. MTV ist also Schuld am "Frauentausch" bei RTL2. Das ist unverzeihlich. (vbr)

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