Macht 5G krank?

Zwei neue Studien bezweifeln die Harmlosigkeit von Mobilfunkstrahlung. "Extrem geringes Risiko", meint hingegen die FDA – will aber weiter forschen.

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(Bild: Shutterstock/Juan Aunion)

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Mit dem Ausbau des 5G-Netzes kommen auch wieder die Zweifel an der Ungefährlichkeit der Mobilfunkstrahlung: Rund 300 Wissenschaftler und Ärzte haben eine Petition an die EU geschrieben und verlangen ein Moratorium des Ausbaus. In der Westschweiz haben einige Kantone ­sogar genau das bereits erlassen.

TR 3/2020

5G unterscheidet sich in einem wichtigen Punkt von allen vorherigen Mobilfunk­generationen. Während bei den bisherigen Netzen die Sen­deanlagen so hoch oben wie möglich liegen, wandern die ­Strahlungsverteiler nun möglichst weit nach unten, in die unmittelbare Nähe der Menschen. Denn die 5G-Wellen machen den Datenaustausch zwar flink, haben jedoch eine geringe Reichweite. Sie können kaum einfache Wände aus Beton durchdringen. Damit die Datenübertragung nicht überall unterbricht, sind viel mehr Antennen nötig. Was gerade entsteht, ist ein Netz mit einer bisher nicht da gewesenen Expositionsdichte.

Bedenken schüren vor allem zwei Studien, die beide 2005 starteten und 2018 veröffentlicht wurden. Eine fand in den USA im Auftrag der Gesundheitsbehörde FDA statt, am größten ­toxikologischen Forschungsinstitut der Welt, dem National ­Toxicology Program (NTP). Eine andere bei der weltweiten Nummer zwei der Toxikologie, dem Ramazzini-Institut im italienischen Bentivoglio. Die Miteigentümer des Instituts, eine Bürgerkooperative in Bologna, hatten die Studie veranlasst.

In beiden Laboren lebten mehrere Generationen von Nagetieren in einem Netz aus Mobilfunkstrahlen, in den USA 720 Ratten und Mäuse, in Italien 2448 Ratten. Das US-Laborfeld entsprach dem, was ein Handy in den USA während des Telefonierens direkt an Strahlung abgibt. Die italienischen Forscher hatten die bis zu tausendfach geringere Dauerbestrahlung durch einen europaweit üblichen Sendemasten aus der Ferne im Blick.

Obwohl beide Studien unabhängig und zunächst ohne Wissen voneinander abliefen, waren die Ergebnisse erstaunlich übereinstimmend: In beiden Versuchen waren die Tiere schon im Mutterleib dem Feld ausgesetzt gewesen. Und beide Male hatten sie nach einer Zeit, die etwa 55 menschlichen Lebensjahren entsprach, eine bestimmte Art von Hirntumoren bekommen, die für die Nagetiere genau wie für den Menschen äußerst ungewöhnlich sind.

Noch erstaunlicher: In beiden Gruppen gab es Fälle von eigentlich äußerst seltenen sogenannten Schwannomen. Dabei handelt es sich um Geschwulste an den Herznerven, die Herzrhythmusstörungen auslösen. In keiner der beiden Studien ­waren die Symptome signifikant erhöht, aber in der Zusammen­schau ist das Bild dennoch irritierend. "Als ich diese Daten sah, ­wusste ich sofort: Wir haben hier ein echtes Problem", zitiert das Magazin Technology Review in seiner aktuellen Ausgabe die Pathologin Fiorella Belpoggi, die leitende Wissenschaftlerin der Bentivoglio-Studie.

Doch so einfach lassen sich die Laborversuche nicht auf den Menschen übertragen. Schon die verschiedenen Körpergrößen zwischen Menschen und Ratten zeigen die Grenze der Übertragbarkeit: Mobilfunkwellen dringen nur einige Zentimeter tief in Gewebe ein. Zumindest bei ausgewachsenen Menschen erreichen sie das Herz überhaupt nicht. Eine Schwannom-Epidemie Jahrzehnte nach dem Alltäglich werden der Handys ist schon deshalb nicht zu erwarten.

Zweitens begannen beide Studien 2005, und zwar mit dem damals üblichen sogenannten E-Netz. Bei ihm lagen die Funkwellen jedoch im Dezimeter-Bereich. Bei den bisher versteigerten Frequenzen des 5G-Netzes geht es um viel kürzere Wellenlängen. Sie liegen im Zentimeterbereich, künftig sogar im Millimeterbereich. Das dürfte nach Ansicht der meisten Strahlenmediziner gesundheitlich eher ein Vorteil sein: Je kürzer die Wellen, desto leichter lassen sie sich ablenken – und desto geringer ist ihre Eindringtiefe.

Wenn ein Risiko bestehen sollte, sei es "extrem gering", urteilt daher die US-amerikanische ­Gesundheitsbehörde FDA. Sie hatte 125 Tierversuche und 75 Menschenversuche überprüft, die zwischen 2008 und August 2019 durchgeführt wurden. Im jüngst erschienenen Bericht kommt sie zu dem Schluss, dass es "kein einheitliches Muster" gebe, um hochfrequente Strahlung mit Tumoren oder Krebs in Verbindung zu bringen. Dennoch drängt die FDA auf weitere Untersuchungen, insbesondere unter Berücksichtigung derjenigen, die für Tumore prädisponiert sind.

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(jle)