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Mail-Startup Superhuman: Aufschrei wegen Tracking-Pixel

Superhuman bettete Tracking-Pixel in versendete E-Mails ein. Die Nutzer reagierten empört, als sie davon erfuhren. Doch ungewöhnlich ist das Tracking nicht.

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Superhuman will "entzückend und intelligent" sein, verärgerte Nutzer aber mit Tracking-Pixeln.

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In den USA sorgte das E-Mail-Startup Superhuman für Aufregung. Der Grund sind Tracking-Pixel, die der Dienst in Mails standardmäßig eingebettet hatte. Auf diese Weise erfuhren die Kunden, ob ihre Nachricht gelesen wurde. Und wie oft. Und wo. Die Nutzer reagierten darauf überraschend empört. Dabei wollte Superhuman doch vor allem durch Schönheit, Schnelligkeit und Spezialfunktionen auffallen.

Einer der prominentesten Kritiker ist Mike Davidson, ehemaliger Design-Vizepräsident von Twitter. Unter der Überschrift "Superhuman spioniert euch aus" erläuterte Davidson in seinem Blog ausführlich, warum sich Superhuman moralisch falsch verhalten habe. Er ist enttäuscht darüber, dass eines der meistgehypten Startups versteckte Pixel in Mails einsetzt, um Kunden "auszuspionieren". Superhuman bezeichnet die Funktion eher harmlos als "Read Receipts", also als Lesebestätigungen. Diese waren bislang standardmäßig aktiviert. Nutzer von Superhuman konnten dadurch einsehen, wann und wie oft ihre verschickten Nachrichten geöffnet wurden. Außerdem gab Superhuman den (ungefähren) Standort des Empfängers an.

Davidson kritisierte, dass vielen Leuten diese Art des Trackings nicht bewusst sein dürfte: "Fragen Sie sich selbst, ob Sie erwarten, dass diese Informationen gesammelt werden." Ein Startup sollte sich solche Entscheidungen genau überlegen, schließlich formen sie früh die "DNA" einer Firma. Die Kritik von Davidson ging viral, plötzlich war Superhuman in aller Munde. Das Mail-Tracking war Thema bei allen großen Tech-Websites wie The Verge, TechCrunch oder Gizmodo. Eigentlich wollte Superhuman den Posteingang neu erfinden und mit "Superkräften" die Nutzer begeistern.

Die Reaktion des Startups auf die massive Kritik erfolgte einigermaßen spät, die Macher wollten sich ihr weiteres Vorgehen ganz genau überlegen, so die Erklärung. "Es waren intensive Tage", schrieb der Superhuman-Chef Rahul Vohra auf Twitter. Er entschuldigte sich bei den Nutzern und gelobte Besserung: Ab sofort stoppt Superhuman das Tracking des Aufenthaltsorts und löscht bereits vorhandene Standortinformationen. Dass Superhuman Tracking-Pixel einsetzt, gab Vohra direkt zu: "Wenn Empfänger ihre Nachricht öffnen, lädt der Mail-Client das Bild auf die gleiche Weise herunter wie ein Webbrowser. Der Image-Server protokolliert diese Anfragen und verwendet oftmals die IP-Adresse, um einen ungefähren Standort zu ermitteln."

Die "Lesebestätigungen" sind nun standardmäßig abgestellt (also opt-in). Die Funktion an sich soll aber bleiben: "Superhuman ist eine Unternehmenslösung für Powernutzer", erklärte Vohra. Andere Anbieter haben ähnliche Funktionen, um Erfolge beim Massen-Mail-Versand zu überprüfen. Die Nachfrage danach sei hoch.

Superhuman ist superschick, aber noch nicht für jeden offen: Zugang gibt's nur auf Anfrage.

Tatsächlich ist der Einsatz von Tracking-Pixeln in Mails weder neu noch ungewöhnlich. Viele Newsletter-Versender prüfen auf diese Weise, ob ihre Nachrichten auch gelesen (oder zumindest geöffnet) werden. Dienstleister nutzen das auch, um Empfängerlisten auszudünnen: Wer seit Monaten keine Mail mehr geöffnet hat, möchte den Newsletter offenbar nicht mehr erhalten. Die Reaktion in den USA aber zeigen, dass vielen Nutzern offenbar nicht klar ist, dass sie auch bei E-Mails mit Tracking rechnen müssen. Die Kontroverse um Superhuman habe dann auch die "Büchse der Pandora" für die gesamte Mail-Industrie geöffnet, meint The Verge.

Was aber tun gegen das Tracking? Gmail-Nutzer haben es leicht, denn Google leitet abgerufene Bilder über seine eigenen Proxy-Server. Die persönliche IP bleibt also verborgen, weil sie durch die von Google ersetzt wird. Die Mail-Dienste erfahren aber, ob das Tracking-Pixel abgerufen und die Mail damit geöffnet wurde. Mail-Clients wie Thunderbird laden externe Ressourcen wie Grafikdateien nur dann, wenn der Nutzer das will. Auf diese Weise bleibt die Privatsphäre gewahrt: Superhuman & Co. erfahren nicht, ob die Mail geöffnet wurde. Aufwendig gestaltete HTML-Mails sehen unter Umständen allerdings kaputt und hässlich aus. (dbe)