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Manifest für offene Standards im Internet verabschiedet

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Wirtschaftsvereinigungen und Verbraucherschützer haben unter dem Dach des OpenForum Europe (OFE) Kriterien für offene Standards entwickelt. Dazu gehören laut einem im Rahmen der Konferenz "Standards and the Future of the Internet" in Genf Anfang der Woche verabschiedeten Manifest etwa die "volle öffentliche Überprüfbarkeit und uneingeschränkte Nutzungsmöglichkeit" der entsprechenden Spezifikationen. Darüber hinaus dürften zu diesen keine für die Implementierung benötigten zusätzlichen Komponenten oder Erweiterungen kommen.

Weiter definiert die Erklärung offene Standards als frei von rechtlichen oder technischen Klauseln, die ihren Einsatz beschränken könnten. Zudem müssten "mehrere komplette Implementierungen" der Spezifikation bei miteinander im Wettbewerb stehenden Herstellern oder eine komplette Umsetzung vorliegen, die gleichermaßen allen Parteien zugänglich ist. Auch Weiterentwicklungen müssten für die Beteiligung von Wettbewerbern und anderen Interessenten offen stehen. Diese Kennzeichen seien wichtig, um die Offenheit des Internet zu gewährleisten.

Zwei oder mehr miteinander konkurrierende Standards würden vor allem Verwirrung stiften, heißt es ferner in dem heise online vorliegenden Papier, das unter anderem vom European Committee for Interoperable Systems (ECIS), der European Software Market Association (ESOMA), dem Förderverein für eine Freie Informationelle Infrastruktur (FFII) sowie der Free Software Foundation Europe unterzeichnet ist. Die Folge seien erhöhte Kosten und Komplexität sowie eine Begrenzung der Innovation.

Mit dem zuletzt genannten Aspekt richtet sich die Erklärung etwa gegen die Bemühungen Microsofts, mit der umstrittenen Spezifikation Office Open XML (OOXML) einen alternativen ISO-Standard zum bereits von der Internationalen Organisation für Normung zertifizierten Open Document Format (ODF) zu schaffen. "In der Internet-Welt haben wir gelernt, solche Dinge nur einmal zu erledigen", kritisierte der Internetpionier Vint Cerf im Gespräch mit heise online die Linie der Redmonder. Als einer der Redner auf der Genfer Konferenz betonte Cerf, im Rahmen der Internet Engineering Task Force (IETF) werde jeweils ein Format ausgewählt und standardisiert. Auf Erweiterungen einige man sich im Konsens mit den Beteiligten. Auf den mit dieser Haltung entwickelten offenen Standards begründe sich der große Erfolg des Internet.

Cerf blickte zugleich auf die von ihm wesentlich beeinflusste Standardisierungsarbeit rund um das Internetprotokoll TCP/IP zurück, für die in den Siebzigern extra ein Internet Configuration Control Board (ICCB) eingerichtet worden sei. Damals habe Microsoft noch nicht die Rolle in der Computerindustrie wie heute gespielt, während Big Blue aber schon ein starker Player gewesen sei. "Hätte IBM damals nicht beschlossen, TCP/IP zu implementieren, und stattdessen einen eigenen Standard vorangetrieben, hätten wir das Internet nicht", betonte Cerf.

Die Redmonder seien in den Prozess der Standardisierung von ODF eingebunden gewesen, schlug Cerf die Brücke zur aktuellen Diskussion. Dass sie nun ihr eigenes Süppchen kochen, kann sich der Internet-Evangelist von Google nur damit erklären, dass sie den steigenden unternehmerischen Wert netzbasierter Software erkannt und an der Entwicklung entsprechender Programme ein "proprietäres Interesse" hätten.

Nicht zufällig fand die Tagung gleichzeitig mit der noch bis zum Ende der Woche laufenden Einspruchberatung der ISO über das Schicksal von OpenXML statt. Rund 120 Abgesandte von Standardisierungsgremien aus aller Welt diskutieren bei dem "Ballot Resolution Meeting" (BRM) über die 3522 zuvor eingereichten Änderungswünsche an der rund 6000 Seiten umfassenden Spezifikation. Zuvor war OOXML bei der Hauptabstimmung Anfang September aufgrund der zahlreichen gravierenden Bedenken zunächst durchgefallen. Nun können die Delegierten bis Ende März ihre Meinung noch einmal ändern. Graham Taylor vom OFE betonte, dass man die Teilnehmer am BRM zur Anhörung auf der eigenen Konferenz eingeladen habe. Ansonsten gebe es aber die Abmachung, dem Prozess der Überprüfung des Dokumentenformats Microsofts nicht ins Gehege zu kommen.

Cerf, der IBM-Standard-Spezialist Bob Sutor sowie der Open-Source-Experte Andy Updegrove forderten aber nach den vielen Berichten über Unregelmäßigkeiten bei der OOXML-Abstimmung eine Reform des Standardisierungsprozesses bei der ISO. So sollte etwa die Motivation von Beteiligten deutlicher gemacht werden. Zudem müssten die aufwendigen Treffen vor Ort eingeschränkt und durch die Online-Zusammenarbeit via Wikis, Chats oder Telekonferenzen ergänzt werden, um eine breitere und kostengünstigere Beteiligung auch kleiner und mittelständischer Unternehmen zu erlauben. (Stefan Krempl) / (jk)

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