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"March for Science" - Yogeshwar: "Steht auf und artikuliert euch!"

Der Klimawandel eine Lüge? Die Evolution eine Erfindung? Forscher werden immer häufiger der "Lügenwissenschaft" bezichtigt. Ranga Yogeshwar sieht viele Gründe dafür – und wirft auch Wissenschaftlern Fehler vor.

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"March for Science": Yogeshwar – Steht auf und artikuliert euch!"

(Bild: Ranga Yogeshwar, CC BY-SA 3.0 DE )

Beim "March for Science" wollen am Samstag weltweit Wissenschaftler auf die Straße gehen und auf den Wert ihrer Arbeit aufmerksam machen. Der Physiker Ranga Yogeshwar spricht im Interview über die Gründe hinter dem Misstrauen gegenüber Forschern – und macht dafür die eigene Zunft mitverantwortlich.

Alternative Fakten und Verschwörungstheorien sind auf dem Vormarsch. Warum schlägt der Wissenschaft so viel Skepsis entgegen?

Yogeshwar: Das rührt möglicherweise daher, dass sich viele Menschen in einer Welt, die sich so schnell verändert, überfordert fühlen. Der Nutzen der Wissenschaft wird für viele erst auf den zweiten Blick sichtbar. Es gibt daneben einen immer mehr um sich greifenden Trend, bestimmte Erkenntnisse der Wissenschaft prinzipiell in Frage zu stellen, um dann eigene Ziele voranzubringen. Der Klimawandel wird zum Beispiel von bestimmten Gruppen angezweifelt, die dann sagen: Wir machen weiter mit dem business as usual.

Es fehlt aber auch ein Konsens in der gemeinschaftlichen Debatte. Die wird immer stärker durch soziale Medien fragmentiert. In den jeweiligen Foren hören Menschen genau das, was sie hören wollen, und klopfen sich gegenseitig auf die Schulter. So entsteht allmählich der Eindruck, dass es tatsächlich alternative Fakten gibt.

Hat die Wissenschaft dem zu lange zugeschaut?

Yogeshwar: Wissenschaftler halten sich in politischen und gesellschaftlichen Diskursen oft zu sehr zurück. Das kann ich teilweise nachvollziehen, weil sie sich unabhängig halten wollen von politischen Entwicklungen. Doch wir brauchen eine Wissenschaft, die sich ihrer Verantwortung bewusst ist und Erkenntnis paart mit einem gesellschaftlichen Dialog. Wissenschaftler sollten sich aktiver zu Wort melden. Es gibt immer noch zu viele, die sich zurückziehen und meinen: Solange die Fördergelder fließen, bin ich nicht betroffen – das halte ich für falsch. Die Stimme der Wissenschaft muss in gesellschaftliche Entscheidungen stärker einfließen.

Wieso nehmen autoritär agierende Politiker Wissenschaft so stark als Bedrohung wahr?

Yogeshwar: Was all diese autokratischen und zum Teil diktatorischen Systeme fürchten, ist die Waffe der Aufklärung, also das kritische Hinterfragen und den offenen Dialog – die Grundlage der Wissenschaft. Diese Grundgrammatik des Denkens ist unbequem für jene Menschen, die mit ihrer eigenen Wahrheit auf Stimmenfang gehen.

Was können Wissenschaftler für ein besseres Image tun?

Yogeshwar: Wissenschaftler sollten sich nicht nur dann zu Wort melden, wenn sie selbst bedroht sind, sondern auch wenn es um andere geht. Im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise zum Beispiel würde ich mir wünschen, mehr von der Wissenschaft zu hören. Laut Wissenschaftsbarometer 2016 sagten 67 Prozent der Befragten, dass Wissenschaftler bei solchen Themen nicht ausreichend zu Wort kommen. Nur: Diese Aufgabe muss man als Wissenschaftler auch wahrnehmen, auch wenn der Dialog unbequem wird.

Der "March for Science" ist ein Weckruf, nicht nur nach außen, sondern auch nach innen. Gerade jetzt, in einem Wahljahr in Deutschland, sagen wir: "Stopp mal! Fakten sind nicht verhandelbar! Wir wollen, dass das Prinzip der Wissenschaft, Dinge kritisch, kompetent und offen zu hinterfragen, die Grundlage unseres Handelns bleibt." Und das zweite große Signal bei diesem Marsch geht in die Community der Wissenschaftler hinein: "Steht auf und artikuliert euch!" (dpa) / (mho)

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