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Massive technische Probleme bei eCircle

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"Puh", stöhnt Holger Schibbe, Community-Manager beim Diskussionsgruppen- und Mailinglisten-Provider eCircle. Dass es mal wieder zu einem Rückstau beim Aussenden von E-Mails gekommen sei, habe er als Hüter über den Datenverkehr von Listen im Bereich Wirtschaft und Finanzen mitbekommen. Dass aber Nachrichten in letzter Zeit auch nach mehreren Tagen überhaupt nicht durchgegangen seien, wie sich Nutzer wiederholt gegenüber [ heise online] beklagt hatten, das habe er "so nicht registriert".

Das Ausmaß der technischen Schwierigkeiten bei der "größten Gruppenkommunikations-Plattform im europäischen Internet", wie sich die eCircle Multimedia GmbH nur zu gern selbst bezeichnet, scheint tatsächlich den nach Angaben der Firma über 3,5 Millionen Usern stärker bewusst zu sein als den Mitarbeitern des Unternehmens. Generell dauert es schon seit Monaten oft mehrere Stunden, bis eine über eCircle versendete Mail die Listenmitglieder erreicht. Wer eine neue "E-Mail-Community" bei dem Startup anmelden will, muss angesichts der Reaktionszeiten des Server für die Homepage von eCircle reichlich Geduld und Zeit mitbringen.

Doch seit vergangenem Wochenende, als die Firma sich an einem Upgrade ihrer Server versuchte, wird der Ärger für die fleißigen Diskutanten und E-Mail-Schreiber immer größer. Am Freitagabend vor einer Woche war die eCircle-Site überhaupt nicht erreichbar. Eine kurze Mitteilung klärte die Surfer nur über die dringenden Wartungsarbeiten auf und versprach, dass "alle" eingehenden E-Mails ausgeliefert würden. Bis heute warten viele User auf die an jenem Wochenende verschickten Botschaften, die im digitalen eCircle-Nirvana verschwunden sind.

Von all dem weiß Schibbe nichts, dafür erklärt er aber, dass es seit Donnerstag dieser Woche erneut "massive Probleme mit dem Server" gebe. In der Nacht zum gestrigen Freitag sei es zu einem Rückstau gekommen. Seitdem würden die E-Mails aus der Schlange herausgenommen und "sukzessive abgearbeitet". Am heutigen Samstag beschwerten sich trotzdem nach wie vor Mailinglisten-Manager über ausstehende Nachrichten sowie über die Unerreichbarkeit der Webarchive ihrer Listen.

eCircle passt sich mit dem Mail-Desaster ein in die Geschichte zahlreicher Startups, die mit dem eigenen Wachstum nicht mithalten konnten. Stolz veröffentlichte das Unternehmen just fast gleichzeitig mit dem prekären Server-Upgrade vergangene Woche neue Zahlen, wonach allein im Oktober 800.000 Nutzer neu zu dem "Home for Communities" gestoßen seien. Mehr als 30 Millionen E-Mails würden die Mitglieder pro Monat über die Plattform jagen – zumindest versuchen sie es immer wieder, müsste es in der Meldung wohl richtig heißen.

Warum der Anstieg des Mailaufkommens nicht mit neuer Technik bewältigt werden kann, ist angesichts der reichen Kapitalrücklagen, über die eCircle verfügt, ein Rätsel. Nach eigenen Angaben ist das Münchner Startup, das erst im August eine zweite Finanzierungsrunde mit T-Venture, der Venture-Capital-Tochter der Deutschen Telekom, abschließen konnte und nach wie vor auch von Wellington Partners unterstützt wird, mit rund 30 Millionen Mark ausgestattet. Mit der Summe sollte allerdings vor allem die Expansion ins europäische Ausland gefördert werden – und da bleibt für den Heimatmarkt anscheinend nicht viel übrig.

"Wir schieben ständig neue Hardware rein", beteuert Schibbe allerdings. Doch nicht genügend, wie der Community-Manager im Startup-Alltag immer wieder erfährt. "Das ist momentan nicht der Zustand, wie wir ihn uns wünschen", gibt er zu. Doch in zwei bis vier Wochen wolle man eine zufrieden stellende Stabilität erreicht haben.

Dass angesichts des Dauer-Ausnahmezustands, in dem sich eCircle befindet, die Münchner gerade von Focus-Money und der Unternehmensberatung Bain & Company zum "besten B2C-Startup" (Business-to-Consumer) gekürt wurden, dürfte für die Leid geprüften Nutzer schwer nachvollziehbar und für die Macher nur ein schwacher Trost sein. Denn wie die "E-Commerce-Experten", die bereits zum zweiten Mal einen Index der 25 besten deutschen Internet-Neugründungen zusammenstellten, zu ihren Ergebnissen kamen, erscheint mehr als zweifelhaft. So schenkten sie eCircle ausgerechnet im Bereich "operative Ausführung" fast die volle Punktzahl – und bewerteten das Unternehmen sogar im Sektor "Innovationsgrad" ziemlich hoch, obwohl die Münchner Gründer ihre Idee schlicht beim amerikanischen Konkurrenten namens eGroups abkupferten.

Vielleicht war es eher die Tatsache, dass eCircle sich Mark Wössner als Aufsichtsratsvorsitzenden an Bord holen konnte, die die Juroren blendete. Für den ehemaligen Bertelsmann-Vorstandsvorsitzenden, dessen Sohn Lars Wössner als Manager bei dem Startup arbeitet, steht außer Frage, "dass ich mit eCircle von Beginn an auf das richtige Unternehmen gesetzt habe". (Stefan Krempl) / (Stefan Krempl) / (jk)

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