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"Matrix"-Macher filmen rein digital

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Zwei Tage nach der Welturaufführung in Los Angeles feierte am gestrigen Montagabend in Berlin mit "Speed Racer" der neue und größtenteils in Deutschland gedrehte Film von Andy und Larry Wachowski seine Europapremiere. Für die Gebrüder Wachowski ist die nach unbestätigten Angaben 150 Millionen Dollar teure Produktion das erste rein digital produzierte Werk. "Speed Racer" ist die "Realfilm"-Version der japanischen Anime-Fernsehserie "Mach GoGoGo" von 1967, die im US-Fernsehen unter dem Titel "Speed Racer" lief und Kultstatus errang .

Während "V for Vendetta", für den die Wachowskis als Drehbuchautoren zeichneten, nur zu Teilen im Studio Babelsberg entstand, entschloss sich Produzent Joel Silver nach den guten Erfahrungen mit diesem Projekt, fast die gesamten Dreharbeiten nach Potsdam zu vergeben. Studio Babelsberg ist als Koproduzent mit im Boot und brachte 9 Millionen Euro aus der im vergangenen Jahr neu eingerichteten Filmförderung des Staatsministers für Kultur mit ein. Während der Hochphasen der Dreharbeiten von Anfang Juni bis Anfang September vergangenen Jahres breitete sich das "Speed-Racer"-Team so gut wie auf dem gesamten Studiogelände aus, zeitweise waren bis zu zwölf Hallen belegt.

Für die komplexen Bildkompositionen in "Speed Racer" nutzten die Wachowskis die aktuelle Digitaltechnik voll aus. Anders als in der Regel üblich konnten sie die Aufnahmen aus verschiedenen Studios nicht erst nach Drehschluss in der Postproduktion kombinieren, sondern direkt am Set in HD-Qualität überprüfen. Den Kamerateams rund um Chefkameramann David Tattersall standen die fünf ersten Serienmodelle der neuen Sony F23 HD-Kamera zur Verfügung, mehrere Wochen bevor die eigentliche Auslieferung der Kameras begann. Die F23 ist der größere Nachfolger der HDW F-900, mit deren Einsatz bei "Krieg der Sterne: Angriff der Klonkrieger" 2002 das Zeitalter der Digitalaufnahme in Hollywood begann. In den zehn Monaten seit Vermarktungsstart wurde die F23 bereits bei bisher sieben Hollywood-Produktionen eingesetzt, darunter "Cloverfield" und der nächste David-Fincher-Film "The Curious Case of Benjamin Button". Das unterstreicht die zunehmende Bedeutung der rein digitalen Produktion im Kinobereich.

Die F23 bietet einen höheren Kontrastumfang und zeichnet erstmalig ein unkomprimiertes Farbsignal (RGB 4:4:4) auf Band auf. Auf große Resonanz bei Kameraleuten stieß die Möglichkeit, mit Presets zu drehen. Der Einsatz dieser Voreinstellungen erleichtert die tägliche Arbeit. So ist beispielsweise bei einem Motivwechsel nicht mehr unbedingt nötig, die Kameraeinstellungen manuell an die jeweilige Szenerie anzupassen. Bei den Dreharbeiten in Potsdam diente die Bandaufzeichnung der Kameras allerdings nur als Sicherheitsreserve. Die eigentlichen Aufnahmen gingen unkomprimiert direkt auf digitale Rekorder der englischen Firma Codex Digital mit jeweils zwei wechselbaren Raid-3-Systemen mit entweder 720 GB oder 1,4 TB Speicherplatz.

Das visuelle Konzept für "Speed Racer" sah eine Komposition mehrerer Ebenen vor, wobei Vordergrund, der mittlere Hintergrund und die umgebende Landschaft vollkommen scharf dargestellt werden sollten. Um diese an Computerspiele erinnernde Ästhetik exakt umzusetzen, war eine direkte Kontrolle der abgedrehten Einstellungen nötig. Die Szenen wurden durchweg im Studio vor Blue- beziehungsweise Green-Screen-Wänden gedreht und anschließend mit Kulissenaufnahmen aus anderen Studios und den in QuickTime Virtual Reality (QTVR) als 360-Grad-Computermodelle vorliegenden Landschaftsaufnahmen kombiniert. Das Ergebnis konnte so noch am Set überprüft werden.

Die Wahl unter einer Vielzahl digitaler Aufzeichnungsgeräte fiel auf die 35 Kilo schweren Codex-Digital-Maschinen, weil sie nach der Aufzeichnung die derzeit schnellste direkte Wiedergabe in HD-Qualität bieten. Zusätzlich lieferten sie im gleichen Moment noch per Gigabit-Netzwerk MXF-Dateien für die parallel arbeitenden AVID-Cutter. Die Tagesergebnisse wurden dann als DPX-Sequenzen mit halber und voller Auflösung per Glasfaserleitung zum Postproduktionshaus Digital Domain nach Los Angeles geschickt, dort bearbeitet und am nächsten Morgen zur Sichtung nach Potsdam zurückgeleitet.

In verschiedenen Foren wurde der Hyperrealismus von "Speed Racer" schon kritisiert und bemängelt, das sich der visuelle Stil für einen Kinofilm zu sehr an der Ästhetik von Videospielen orientiere. Genau dies entspricht aber der verschiedentlich kommunizierten Intention der Regisseure. Ob die Wachowski-Brüder mit der visuellen Gestaltung erneut einen Trend auslösen wie zu Matrix-Zeiten mit ihren Extremzeitlupen, wird sich zu einem beträchtlichen Teil erst im Mai an der Kinokasse entscheiden. Zumindest haben sie aufgezeigt, welche Möglichkeiten in der digitalen Filmproduktion liegen, wenn man sie konsequent anwendet. Der allgemeine deutsche Kinostart von "Speed Racer" ist für den 8. Mai angesetzt. (Georg Immich) / (vbr)

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