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MedCAST: Nach der Gesundheitskarte ist vor der Gesundheitsakte

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Während sich der Kartenhersteller Giesecke & Devrient über die Auslieferung der millionsten e-card für das österreichische Gesundheitssystem freute, beschäftigten sich die Medizininformatiker auf der diesjährigen MedCAST bereits mit der Zeit nach der Einführung der elektronischen Gesundheitskarte in Deutschland. Im Mittelpunkt der Tagung stand die elektronische Patientenakte, deren Einführung zwischen 2007 und 2015 erfolgen wird.

Die Einführung der medizinischen Telematik in Deutschland ist ein Großprojekt, dessen Zeitplan bis zum Jahre 2025 reicht. Vor diesem Hintergrund sehen die beteiligten Wissenschaftler und Techniker den sich weiter verzögernden Start der elektronischen Gesundheitskarte relativ gelassen. Angesichts der Zwistigkeiten im Vorfeld der von der Industrie erwarteten Ausschreibung der Kartenkomponenten erwartet Peter Pharow vom Erlanger Fraunhofer-Institut für integrierte Schaltungen nicht, dass Projekte in den Modellregionen vor 2006 starten werden. Deutliche Kritik kam von ihm, dass fortlaufend Abstriche an dem Projekt unternommen werden: "Zwischen den Ergebnissen des bIT4health-Konsortiums und der heutigen Lösungsarchitektur klafft eine Riesenlücke. Deutschland hatte die anspruchsvollste Ausschreibung, ist aber inzwischen von anderen Ländern eingeholt worden, die später mit einfacheren Vorgaben gestartet sind." Als Beispiel nannte Pharow Dänemark, wo das elektronische Rezept von der staatlichen Medcom bereits 1994 eingeführt wurde, ganz ohne Kartentechnik mit einer zentralen Datenbank. Anschließend begab sich der Referent auf einen Parforceritt und stellte die zwei Dutzend Standards vor, aus denen sich ein weltweit genormtes semantisch interoperables EHR-System (Electronic Health Record) entwickeln werde. Daran wird bereits seit 12 Jahren gearbeitet: "Ziel ist es, dass ein Arzt in Los Angeles ohne Probleme auf die Patientendaten in einer Erlanger Klinik zugreifen kann."

Wie eine elektronische Patientenakte mit Zeitstempeln und Signaturen, mit der Einbettung der verschiedensten Befunde geführt werden kann, wie Ärzte den Datenabgleich ihrer Patientenakte mit der öffentlichen Akte besorgen und wie die geforderte Langzeitspeicherung aller Daten über 30 bis 40 Jahre aussehen mag, war Gegenstand der Vorträge von Lösungsanbietern wie Intercomponentware, Gesakon oder der CompuGroup Health Services. Die Experten machten deutlich, welche Bedeutung der rechtliche Rahmen für die Patientenakte hat. In 30 Jahren müssen heute gespeicherte Dokumente nicht nur lesbar sein, sondern dem Anscheinsbeweis für ihre Echtheit standhalten können -- selbst dann, wenn heute sichere Signatur- und Verschlüsselungsverfahren obsolet wurden. In 30 Jahren muss der Arzt lückenlos dokumentieren können, was er in die elektronische Patientenakte speicherte und was persönliche Notizen waren, die niemals seine Praxis verlassen sollten. Wie knifflig manche Umsetzungen ohne die elektronische Gesundheitskarte heute sind, zeigte Thomas Kleemann vom Klinikum Ingolstadt am Beispiel der Akutaufnahme. Hier unterschreiben Patient und Arzt am Tablett-PC ein PDF mit dem Behandlungsvertrag. In der noch offen diskutierten Frage, welche biometrischen Merkmale auf der elektronischen Gesundheitskarte gespeichert sein sollen, forderte Kleemann entsprechend die elektronische Unterschrift statt des bislang angedachten Fingerabrucke.

In einem Sondervortrag stellte Kleemann außerdem die zur CeBIT angekündigte eH.I.P von Microsoft vor. Hintergrund ist hier, dass die Ingolstädter Lösung komplett mit Microsoft-Programmen (SharePoint Portal, BizTalk Server, Infopath) entwickelt wurde. Der von Microsoft zur Verfügung gestellte Vortrag machte deutlich, welch hohen Stellenwert die "Health Integration Platform" für Microsoft und seinen Partner Intel besitzt.

Zur elektronischen Gesundheitskarte und der Reform des Gesundheitswesens siehe auch:

(Detlef Borchers) / (jk)