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Medica: Rundumversorgt dank Bodynet

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Neben der Vorstellung des elektronischen Heilberufsausweises gestattete die Medica einen Blick auf das, was nach der Gesundheitskarte, dem eRezept und der elektronischen Patientenakte kommen kann – also auf eine Zeit, wenn "Always On" dafür steht, dass der sensorbestückte Mensch mit seinem Body Area Network in Kontakt mit großen Datenbanken steht, die sein Wohlergehen aufzeichnen. "Ubiquitious Personal Care" ist der Fachbegriff für den "größten Paradigmenwechsel" in der Medizin seit Paracelsus, mithin ein IT-Wachstumsmarkt, dessen Potenzial so groß wie der Automobilbau sein soll.

Noch ist die elektronische Gesundheitskarte (eGK) nicht da, das eRezept noch Zukunftsmusik, da sind Ärzte, Forscher und Programmierer schon viel weiter. Dabei ist selbst bei dem vorgestellten Heilberufsausweis (HBA) das Kind noch nicht in trockenen Tüchern. Etliche Firmen zeigten Kartenlesegeräte, die HBA und Gesundheitskarte gleichzeitig verarbeiten können, die als "Konzeptstudien" deklariert waren, weil die entsprechenden Spezifikationen noch nicht verabschiedet sind. So ist es derzeit vollkommen unklar, wie ein Allgemeinarzt, der täglich 100 bis 200 Rezepte signieren muss, dies schafft, ohne jedes Mal die sechsstellige PIN des HBA eintippen zu müssen. Eine Lösung präsentierten die Firma Celectronic mit ihrem 229 Euro teuren Doppelkartenleser Cardstar/medic2, das zwei LAN-Anschlüsse und einen Fingerabdruckleser besitzt. Hier wird der Arztausweis morgens mit einer PIN aktiviert und arretiert. Danach holt sich das System vom Zertifikatsdienst einen "Rezeptstapel", der tagsüber abgearbeitet wird. Der Arzt signiert dabei das Rezept, das auf die Gesundheitskarte geschrieben wird, beim Wechsel zwischen den Behandlungszimmern mit seinem Fingerabdruck. Die Problemlösung hat nur einen Haken: Rezeptstapel sind nach dem derzeitigen Stand der Lösungsarchitektur noch nicht erlaubt.

Mit der eGK bekommt der Datenschutz eine enorme Bedeutung. Hier möchte das schleswig-holsteinische unabhängige Datenschutzzentrum Akzente setzen, das auf der Medica ein Sprachverarbeitungssystem und einen Instant Messenger mit dem Datenschutz-Gütesiegel auszeichnete. Doch Jürgen Stettin, Professor für Qualitätsmanagement von PEMS-Installationen (Programmable Electrical Medical Systems), warnte in einem Medica-Vortrag davor, den Datenschutz zu kleinteilig mit der Vertraulichkeit der Daten zu assoziieren. Mindestens ebenso wichtig seien Datenverfügbarkeit, -Integrität und Verbindlichkeit. Er schilderte Fälle, wie eine Bild-Kompressionssoftware die wenige Pixel großen Infektionen wegrechnet, oder wie die Installation eines Voice-over-IP-Telefonsystems die komplett digitalisierte Radiologie-Abteilung eines Krankenhauses zusammenbrechen ließ. Stettin plädierte für die radikale Trennung von Datennetzen nach Maßgabe ihrer Bedeutung. Für Intensivstationen forderte er eine Regelung, dass Netze nur von einem einzigen Hersteller installiert werden dürfen. Die Hoffnung, dass Ärzte mit ihrem Können und Wissen die Systeme schon beherrschten, tat Stettin als Wunschdenken ab: "Den Arzt als risikominimierenden Faktor darf man nicht einplanen."

Wie Ärzte neue Techniken nutzen können, zeigte Vodafone mit der Übertragung von Bilddaten aus der Computertomographie (CT) per UMTS zum Handy eines diagnostizierenden Arztes. Dabei werden die ziemlich kleinen CT-Aufnahmen von einem Kamera-Handy vom Bildschirm abfotografiert und via UMTS als MMS verschickt.

Die Präsentation von UMTS an den Ständen von Vodafone, Arcor oder T-Systems erfolgte nicht von ungefähr. Das herkömmliche GSM mit der Datenübertragung per GPRS bietet zu wenig Bandbreite für den wichtigsten Medizintrend, das Telemonitoring von Menschen. Wohin die Entwicklung geht, zeigte das Erlanger Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen mit seinem VitaSENS, einem System von fünf kleinen Sensoren, die an verschiedenen Stellen des Körpers angebracht werden und über ein Body Area Network mit einem Controller verbunden sind, der wiederum mittels Zigbee-Funk die Vitaldaten zum Handy weitergibt. Das Handy wiederum füttert laufend eine Datenbank, die gegebenenfalls ein Callcenter alarmiert. VitaSENS ist für chronisch Kranke, aber auch für Hochleistungssportler entwickelt worden und hat auf lange Sicht das Potenzial – einen Hauch von der elektronischen Fußfessel entfernt – einen Massenmarkt des Gesundheits-Monitoring anzuschieben.

Für Thomas Norgull vom IIS ist "Ubiquitous Personal Care" ein Zukunftstrend, der mit dem situationsbezogenen Online-Monitoring die gesamte Medizin verändern wird. Auf lange Sicht könnten alle Menschen von winzigen smarten Sensoren begleitet werden. In seinem Vortrag zur Interoperabilität von solchen Systemen gab er freilich zu: "Niemand weiß heute so recht, wie das alles funktionieren soll."

Zur elektronischen Gesundheitskarte und der Reform des Gesundheitswesens siehe auch:

(Detlef Borchers) / (jk)