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Medica: Vom Heilberufsausweis zur Gesundheitskarte

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Mit einem launigen Vortrag des IBM-Hausphilosophen Gunter Dueck, der seine Überlegungen zum Denken von Informatikern um das Denken von Medizinern bereicherte, wurde die Medizintechnik-Messe Medica 2005 in Düsseldorf eröffnet. Über 4000 Aussteller zeigen auf dieser Messe bis zum kommenden Samstag, wie dem Menschen geholfen werden kann, wenn seine Systeme ausfallen. Trefflich formulierte es der Newcomer Delphi Systems, der größte amerikanische Automobilzulieferer, der in Medizintechnik diversifiziert: Wer Autokomponenten bauen kann, kann auch Health Care betreiben.

Die elektronische Gesundheitskarte bildete wieder einmal das Schwerpunktthema der Messe, jedenfalls was den IT-Gehalt anbelangt. Im Unterschied zum Vorjahr allerdings nicht als Placebo: Am ersten Messetag wurden von Karl-Josef Laumann, dem nordrhein-westfälischen Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales, die ersten Exemplare des elektronischen Heilberufsausweises Version 2.09 an Ärzte aus Bochum, Trier, Löbau-Zittau und Flensburg verteilt. Während sein Ministerpräsident Jürgen Rüttgers mit Gouverneur Jeb Bush mit einem großen Sicherheitsaufgebot in einer anderen Halle das Gesundheitsland Florida feierte, mahnte Laumann die anwesenden Vertreter zur Eile bei der Infrastruktur, "damit unsere angewandte Technik zu einem Exportschlager werden kann".

Der Heilberufsausweis (HBA), den die 17 deutschen Ärztekammern für 400.000 Ärzte ausstellen und der dementsprechend für weitere zwei Millionen Mitglieder der übrigen Gesundheitsberufe (Apotheker, Psychotherapeuten, Pflegepersonal usw.) ausgegeben wird, bildet die Vorstufe der elektronischen Gesundheitskarte für die 80 Millionen Versicherten. Ohne ihn gibt es kein eRezept, kein Zugriff auf die Versichertendaten. Als Zertifikatsdiensteanbieter durften gleich drei Firmen ihre digitalen Signaturen auf den ersten Ausweisen anbieten: Medisign, D-Trust und Signtrust beschicken den "hochwertigen Minicomputer" (Laumann), während die Karten von Orga Kartensysteme kommen. Zur Vorstellung gab es jedoch nicht nur strahlende Gesichter: Für erheblichen Unmut unter den beteiligten Firmen sorgte eine Behauptung des Vorstandes der kassenärztlichen Bundesvereinigung, dass HBA wie Gesundheitskarten im großen Testjahr 2006 nicht in ausreichender Zahl produziert werdeen können, weil die einschlägigen Hersteller mit dem Druck und der Personalisierung der Tickets für die Fußball-WM völlig überlastet seien. In etwa dieselbe Kerbe haute der Branchenverband Bitkom sein Beilchen, der zur Medica bemängelte, dass das flächendeckende Roll-Out nicht vor 2007 stattfinden wird: Die Industrie ist unruhig und will endlich Aufträge sehen.

In jedem Fall ist mit dem HBA und den gesetzlich festgeschriebenen Testrahmen mächtig Schwung in die Entwicklung der Gesundheitstelematik gekommen. Bereits am 24.11. müssen alle Testregionen für die "10.000er-Tests" ihre Angebote bei der Projektgesellschaft Gematik abgeliefert haben, die selbst nur eine Woche hat, die Angebote zu bewerten, ehe sie an das Gesundheitsministerium weitergeleitet werden: Mitte Januar sollen die Verträge für die Testregionen unter Dach und Fach sein. Entsprechend fesch präsentierten sich acht Testregionen auf dem Begleitkongress Medica Media, der alle Protagonisten des weltgrößten IT-Projektes versammelte. Jede Region betonte die besonders hohe Akzeptanz aller Beteiligten, vom Arzt bis zum Patienten, weil genau dies ein gesetzlich verordnetes Kriterium darstellen soll.

Für besondere Heiterkeit sorgte die anschließende Podiumsdiskussion auf der Medica Media. Unter Berufung auf den Gematik-Geschäftsführer Harald Flex forderte Siegfried Jedamzik vom Praxisnetz Goin einen mit 50.000 Euro dotierten Wettbewerb unter dem Titel "Hacker aller Länder, vereinigt euch". Nur, um im gleichen Atemzug den Hackertest auf einen Labortest in Berlin zu beschränken. Hackertests in den dann aktiv testenden Modellregionen sollten hingegen strikt verboten werden, befand Jedamzik.

Was die Betroffenen von all den Auführungen zur Gesundheitskarte halten, ist schwer zu sagen. Patienten sind nicht die typischem Medica-Besucher. Unter den Ärzten als unmittelbar Betroffene, die in Hardware und Software investieren müssen, ist anscheinend der Unmut groß, wie eine auf der Medica vorgestellte Studie des Zentrums für Versorgrungsforschung der Universität Köln ermittelte. Die Ärzte müssen unter anderem wegen der enthaltenen digitalen Signaturen 50 bis 70 Euro pro Jahr für den elektronischen Arztausweis einrechnen; und während man die Investitionen in Lesegeräte und VPN-Connector akzeptiert, sind die monatlich auflaufenden Wartungskosten ein heißes Thema. Allein die Wartung des VPN-Connectors soll nach Angaben der Ärztekammern monatlich mit 76 Euro in die Bücher schlagen, nicht gerechnet die Software, für die Jan Naumann vom VHitG 80 bis 120 Euro an monatlichen Wartungsgebühren in der abschließenden Diskussion des ersten Messetages veranschlagte.

Zur elektronischen Gesundheitskarte und der Reform des Gesundheitswesens siehe auch:

(Detlef Borchers) / (jk)