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Social Media: TikTok-Moderatoren bestimmen über missliebige und geförderte Inhalte

Neue geleakte Moderationsregeln zeigen, dass TikTok immer noch Einfluss auf politische Inhalte nehmen will - trotz monatelanger öffentlicher Kritik.

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(Bild: XanderSt/Shutterstock.com)

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Die Kurzvideo-App TikTok behält sich weiterhin vor, Inhalte zu zensieren, die sie als politisch unerwünscht einstuft. Das geht aus einem Bericht von Netzpolitik.org hervor, der sich auf Informationen und geleakte Dokumente eines Mitglieds des deutschen TikTok-Moderationsteams beruft.

Demnach habe der Betreiber von TikTok, das chinesische Unternehmen ByteDance, nach kritischen Medienberichten und Zensurvorwürfen in den vergangenen Monaten zwar neue Moderationsregeln aufgestellt. Diese ermöglichten jedoch immer noch, unerwünschte Inhalte zu löschen oder zumindest deren Verbreitung einzuschränken. Auch die Proteste in Hongkong könnten damit immer noch von gezielt verringerter Sichtbarkeit betroffen sein.

Nach ersten Enthüllungen über TikToks Moderationsregeln im September seien zwar mehrere allgemein gehaltene Verbote von politischen Inhalten oder der Darstellung politischer Persönlichkeiten aufgehoben worden, es gebe jedoch immer noch eine Richtlinie zu "kontroversen Ereignissen", berichtet Netzpolitik.

Laut den geleakten Regeln werden Inhalte zu "gewalttätigen Konflikten" nicht gefördert und als "Not for Feed" gekennzeichnet, wodurch sie anderen Nutzern nicht auf der algorithmisch generierten Startseite der App angezeigt werden und in der Suche schlechter aufgefunden werden können. Diese Regelung sei erst als Reaktion auf Medienberichte eingeführt worden und nicht, wie von ByteDance ursprünglich behauptet, bereits im Mai – und damit noch vor Beginn der Proteste in Hongkong.

Im Gegensatz zu früheren Regeln werden in den von Netzpolitik veröffentlichten Auszügen keine konkreten Beispiele wie die Unabhängigkeitsbewegungen von Tibet oder das Massaker auf dem Tiananmen-Platz 1989 mehr genannt, über die jeweilige Auslegung sollen aber die lokalen Moderationsteams entscheiden. Für den deutschsprachigen Raum befinden sich diese in Berlin und in Barcelona, nachts soll auch ein deutschsprachiges Team von Peking aus moderieren. Laut dem anonymen Mitglied des Moderationsteams seien Proteste auf der Plattform immer noch unerwünscht, aufgrund der Ausrichtung von TikTok auf Musikclips und Karaoke-Videos kämen solche Inhalte aber von vornherein seltener vor als in anderen sozialen Netzwerken. Die App ist besonders unter Jugendlichen beliebt und gehört mit weit über eine Milliarde Downloads zu den am schnellsten wachsenden sozialen Netzwerken.

Zu den ebenfalls algorithmisch eingeschränkten Inhalten gehören Bezüge zu politischen Parteien in Wahlkampfzeiten. Diese werden als "Not Recommend" ebenfalls aus dem automatischen Feed ausgeschlossen – zumindest vor der jeweiligen Wahl. Unter "Not for Feed" fallen hingegen auch Verschwörungstheorien beispielsweise zu 9/11 oder der sogenannten "Flat Earth"-Theorie. Durch diese Einstufungen soll ihre Sichtbarkeit verringert werden, ohne sie vollständig löschen zu müssen.

TikTok war bereits zuvor auch für die Zensur von Inhalten mit Bezug zu Homosexualität in die Kritik geraten. Länderspezifische Regeln hatten beispielsweise die Darstellung von sich küssenden oder händchenhaltenden gleichgeschlechtlichen Paaren verboten, auch wenn dies in einigen betroffenen Ländern nicht illegal war. Die nun bekannt gewordenen Richtlinien sehen zwar nicht mehr vor, dass solche Inhalte flächendeckend vom Algorithmus ausgebremst werden, doch die Moderationsteams sind angehalten, sie mit einem sogenannten "Risk" zu markieren. Dies soll dafür sorgen, dass die Videos nicht in Ländern angezeigt werden, wo sie aus Sicht von TikTok als "nicht akzeptabel" gelten, um die "Sicherheit der Nutzer" nicht zu gefährden.

In einer Stellungnahme widersprechen die Betreiber von TikTok hingegen der Darstellung von Netzpolitik. Man moderiere nicht "basierend auf politischen Angelegenheiten oder Sensitivitäten. Unsere Moderationsentscheidungen werden von keiner ausländischen Regierung, auch nicht der chinesischen Regierung, beeinflusst. Wir entfernen oder stufen keine Videos von Hongkonger Protesten herab und auch nicht von Aktivisten", heißt es dort. Und: "Wir entfernen auch keine LGBTQI*-Inhalte."

Man lösche nur Videos, die Gewalt zeigten oder den Einsatz von Waffen förderten und prüfe, ob "lokale Gesetze und Werte" eingehalten würden. Zu den älteren Moderationsrichtlinien heißt es wie bereits in früheren Stellungnahmen lediglich, man habe "in den Anfangszeiten" versucht, jegliche Konflikte auf der Plattform zu minimieren. Dies habe sich mit wachsender Bekanntheit der Plattform jedoch als der falsche Weg erwiesen.

In der Zwischenzeit nutzte die Tagesschau ihren neuen Kanal auf TikTok, um schon in ihrem dritten Video auf der Plattform die Proteste in Hongkong zu thematisieren und die Toleranz der chinesischen App auf die Probe zu stellen. Der Clip, der die Hintergründe der Proteste gegen die chinesische Regierung erklären soll, sammelte bislang knapp 55.000 "Gefällt mir"-Angaben. (siko)