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Medienforscher: Trolle, Trump und Bots führen in die informationelle Verunsicherung

Für Wissenschaftler Bernhard Pörksen löst die durchs Internet "radikal veränderte Medienwelt" momentan eine "Phase des großen Verdachts" über die Überbringer von Botschaften aus. Das Schicksal der Piraten bezeichnete er als symptomatisch.

Bernhard Pörksen (r.) mit (n.l.) Caspar Clemens, Hinrich Claussen, Astrid Carolus und Marcel Ritter.

Bernhard Pörksen (r.) mit (n.l.) Caspar Clemens, Hinrich Claussen, Astrid Carolus und Marcel Ritter.

Zunehmende Berichte über im Wahlkampf angreifende russische Trolle, einen ferngesteuerten US-Präsidenten Donald Trump oder Social Bots, die rassistische Kommentare verbreiten, bleiben nicht ohne Wirkung. Davon geht der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen aus, für den die Bürger angesichts dieses medialen Brennglases in die informationelle Verunsicherung hineindriften. "Es beginnt eine Phase des großen Verdachts: Wer spricht eigentlich?", glaubt der Forscher. Permanent machten Nutzer daher den Turing-Test, um sich über die Identität eines Kommunizierenden zu vergewissern.

"Wir dürfen Trump nicht nur als erfolgreichen Internet-Troll sehen", gab Pörksen am Donnerstag während der zweiten Ausgabe der "Data Debates" von Tagesspiegel und Telefónica Basecamp in Berlin zu bedenken. Der Immobilien-Mogul profitiere von einer radikal veränderten Medienwelt, in der "Gatekeeper des alten Typs" schwächer geworden sind. Der einstige Reality-TV-Protagonist sei aber auch Geschöpf des Spektakelfernsehens, das seine Einschaltquoten mit Trumps steilen Thesen und ständigen Provokationen teils "um 170 Prozent gesteigert" habe.

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Pörksen plädierte dafür, dass in den Zeiten der fünften Gewalt in Form von Publizierenden in Blogs, Wikis oder sozialen Netzwerken "Grundfragen der Profession Journalismus" zur Allgemeinbildung gehören müssen. Was relevant sei und welche Nachrichtenfaktoren es gebe, gehe heute einen 13-Jährigen genauso an wie einen arrivierten Zeitungsredakteur.

Das Thema Medienkompetenz sei natürlich wichtig, ging die Würzburger Medienpsychologin Astrid Carolus mit ihrem Kollegen etwas konform. Es lasse sich aber immer weniger zwischen Online- und Offline-Leben trennen und Filterbubbles seien keine Erfindung des Internets. Auch schon früher habe es eine "defensive Selektivität" gegeben. Der Einfluss von Medien auf Meinungen von Machern werde überschätzt, viel wichtiger sei das direkte Umfeld. Das Netz bestehe zudem nicht nur aus "Hate" und "Fake", sondern vor allem aus Trivialitäten wie Katzen- oder Essensbildern. Die große Masse menschele einfach auch online, was "gut tut".

"Die medialen Möglichkeiten wirken verschärfend, verstärkend", hielt Pörksen dagegen. Es sei zwar in der Tat ein menschliches Phänomen, "dass wir uns in Communities hineinbegeben, in denen wir uns wohlfühlen". Vor allem Wut und Erregung entfalteten andererseits aber gerade in sozialen Netzwerken "integrierende Kraft" und damit einhergehender Protest zerfalle erst wieder, "wenn es ein anderes Thema gibt". Er habe das Schicksal der Piraten da als "symptomatisch" empfunden. Die junge Partei habe vor allem versucht, die Digitalisierung anders zu verstehen. Es sei ihr nicht gelungen, "von der Schwarmformation zum klassischen Kollektiv zu werden" mit einem Programm mit ganz unterschiedlichen Feldern und Strukturen. Die Lehre daraus sei, dass nicht alles im Modus hierarchiefreier Vernetzung organisiert werden könne.

In "völlig enthemmte, jegliche Grenzen überschreitende Auswüchse menschlicher Abgründe" glaubte Marcel Ritter, Mitglied der Geschäftsleitung von Telefónica Deutschland, in so mancher "entfesselten" Online-Kommunikation zu blicken: "Wir sehen Menschen, die im Privatleben vermutlich zivilisiert sind, sich im Schutz der digitalen Anonymität aber zu fürchterlichen Dingen hinreißen lassen." Er forderte daher: "Wir brauchen Werte für die digitale Kommunikation; es muss ein Minimum an Anstand und Respekt füreinander gewahrt werden."

Den Gesetzentwurf von Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD), mit dem dieser weit gefasste strafbare Inhalte rascher aus dem Netz bringen will, sah Ritter trotzdem skeptisch. "Wir gewähren freien Zugang zum Internet", betonte der Ritter. Dabei handle es sich um ein "unfassbar hohes Gut". Er unterstrich: "Wir wollen Inhalte nicht kontrollieren, auch nicht zensieren." Vor der Diskussion hatte er bereits erklärt: "Im Kampf gegen Hasskommentare dürfen wir die Freiheit des Internets nicht gefährden."

(Stefan Krempl) / (anw)

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