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Medienforum: Die Suche nach der Medienkompetenz

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"Wir brauchen einen verbindlichen Rahmen zur Beurteilung von Medienkompetenz", forderte NRW-Medienministerin Angelica Schwall-Düren. Sie verwies auf zahlreiche Projekte der Landesregierung und der Landesanstalt für Medien, die die Medienkompetenz fördern sollen. So bekommen Hauptschüler im Rahmen des Projekts Zeitungszeit kostenlose Zeitungsabonnements vermittelt, und Medienberater klären Eltern über problematischen Mediengebrauch auf. Doch ob diese Maßnahmen tatsächlich Effekte auf die Medienkompetenz der Jugendlichen haben, ist unklar. So wurden in zahlreichen Diskussionen auf dem Medienforum die in die Schlagzeilen geratenen Facebook-Parties als Zeichen für dringenden Handlungsbedarf genannt. "Es geht darum, dass Kinder und Jugendliche lernen müssen, Subjekt in dieser Medienwelt zu sein und sich nicht zum Objekt machen zu lassen", erklärte Schwall-Düren. Aus Studien habe sie erfahren, dass das Online-Mobbing gerade an Gymnasien eine Rolle spiele.

Scharfe Kritik übte der Publizist Joachim Weiner. Er hält die Förderprogramme der Landesregierung für verfehlt. "Hier wird an der Oberfläche etwas zelebriert ohne dass jemand guckt, ob etwas dahintersteckt", so Weiner in Köln. Viele Schulen seien so schlecht ausgestattet, dass ein Unterricht am Computer kaum möglich sei. Zudem benötigten Lehrer Zeit, um überhaupt die Mediengewohnheiten ihrer Schüler kennenzulernen. Doch angesichts der in NRW auf 12 Jahre verkürzten Schulzeit bis zum Abitur fehle diese Zeit. Auf Elternabenden erreiche man ohnehin nur diejenigen, die bereits ein Problembewusstsein für den Umgang mit Medien hätten. Zudem gebe es ein massives Evaluationsproblem: Teilweise würden sogar Programme finanziert, die in Wahrheit niemals stattfänden. Diesen Vorwurf wies Direktor der Landesanstalt für Medien Jürgen Brautmeier zurück: "Wir kontrollieren unsere Programme sehr genau."

Um neue Impulse zu bekommen, hat die Landesregierung eine Online-Beteiligungsplattform für die Konzeption eines Medienpasses in Nordrhein-Westfalen initiiert, bei der bis Ende Juli Vorschläge für die Gestaltung eines Qualifizierungsprogramms für Jugendliche gemacht werden können. Obwohl das Projekt noch in den Anfängen steht, zieht Schwall-Düren schon eine positive Zwischenbilanz: Mit über 30.000 Seitenaufrufen und einer 700 Mitglieder zählenden Gruppe bei StudiVZ seien die Erwartungen bereits übertroffen.

Landtags-Vizepräsident Oliver Keymis (Grüne) betonte am Mittwoch die Wichtigkeit solcher Plattformen, die der repräsentativen Demokratie helfen könnten, warnte aber gleichzeitig vor zu hohen Erwartungen: "Bei solchen Projekten ist das Scheitern natürlich immanent." Trotzdem dürften sich die Politiker von solchen Rückschlägen nicht entmutigen lassen. Professor Herbert Kubicek, Vorsitzender der Stiftung Digitale Chancen, berichtete von den Erfahrungen mit Bürgerbeteiligungsplattformen: "Die Bürger warten nicht darauf, beteiligt zu werden". So habe seine Organisation für ein Projekt zur CO2-Reduzierung nur 160 Bürger gewinnen können, von denen jedoch bereits die Hälfte wieder abgesprungen sei. Wichtiges Element erfolgreicher Bürgerbeteiligung sei professionelle Moderation. Wenn es um mehr gehe als Ideen zu sammeln, seien reine Online-Projekte ungeeignet. Zur Festlegung verschiedener Präferenzen seien Offline-Treffen unverzichtbar.

Diese Lektion will auch die Landesregierung bei einer Online-Konsultation zum Thema Jugendmedienschutz beherzigen. Da derzeit ein politischer Neuanfang für die in Nordrhein-Westfalen gescheiterte Novellierung des Jugendmedienschutzstaatsvertrags noch nicht begonnen hat, hat sie zusammen mit dem Institut für Medien- und Kommunikationspolitik eine Online-Konsultation geplant, die in der kommenden Woche starten und Ansätze für eine neue Novellierung des Staatsvertrags liefern soll. Ein runder Tisch mit Vertretern der Landesregierungen, der Industrie, Forschungseinrichtungen und Internet-Aktivisten zum Abschluss des Medienforums sollte die ersten Ansätze liefern.

Doch obwohl alle Seiten auf der Veranstaltung betonten, dass Jugendmedienschutz notwendig und die geltenden Regelungen für das Internet ungeeignet seien, zeigten sich die Differenzen sehr deutlich. So verwies der Internet-Aktivist Jens Best darauf, dass Kommunikationsräume nicht von vorneherein reguliert werden dürften, Jugendliche müssten miteinander ihre Grenzen austesten. "Statt zu kontrollieren sollten die Jugendschützer die Jugendlichen befähigen", forderte Best. Mechthild Appelhoff, Bereichsleiterin der Landesanstalt für Medien verwies jedoch auf den grundgesetzlichen Auftrag zum Jugendschutz: "Medienkonmpetenz ersetzt nicht gesetzlichen Jugendmedienschutz." In einer relativ kurz gehaltenene Online-Beteiligungsphase bis Ende Juli sollen nun Vorschläge gesammelt werden, wie diese Positionen in einem neuen Staatsvertrag Einzug finden können. (jk)