Medizin: Impfen mit Erbgutschnipseln

In der Coronakrise geht die Idee von mRNA-Impfstoffen um die Welt. Erbgutschnipsel statt Erregerhüllen sollen schützen. Aber die Technologie bietet weit mehr.

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(Bild: Shutterstock)

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Die COVID-19 Pandemie lenkt die Aufmerksamkeit auf eine der spannendsten Technologien der Biotech-Branche: Boten-RNA als Therapeutikum. So wichtig ein Impfstoff ist, um die Pandemie aufzuhalten – hinter der Idee, mRNA als Medikamente einzusetzen, steckt noch weit mehr als eine Hoffnung gegen das Coronavirus, berichtet die Mai-Ausgabe 05/20 von Technology Review (jetzt im Handel).

TR 5/2020

Die Idee hinter der mRNA-Therapie ist so genial wie einfach: Eine mRNA ist der Bauplan für Proteine. Die Zelle fertigt sie als Abschrift eines ganz bestimmten Abschnitts der DNA. Anschließend transportiert sie diese aus dem Zellkern heraus. Daher stammt der Name: "m" steht für messenger, Bote. Warum also diesen Mechanismus nicht nutzen und den Körper seine Medikamente selbst herstellen lassen?

Genau das steckt hinter den mRNA-Medikamenten: Forscher wollen die Baupläne für therapeutische Proteine in die Zellen schleusen und sie dort nachbauen lassen. Die Methode könnte das Immunsystem nicht nur gegen eine Vielzahl von Infektionskrankheiten in Stellung bringen, sondern auch im Kampf gegen Krebs helfen und Stoffwechselleiden kurieren. Bei Stoffwechselkrankheiten wären es Proteine, die der Körper nicht selbst herstellen kann. Bei Krebs wären es jene, die das Immunsystem auf Tumorzellen aufmerksam machen.

Allein auf der US-Plattform für klinische Studien clinicaltrials.gov suchen gerade 23 mRNA-Impfstoff-Studien nach Probanden, dazu kommen noch die Studien, bei denen die mRNA zur Therapie von erblichen Stoffwechselerkrankungen eingesetzt wird. Aber auch schon vor der Corona-Pandemie herrschte Goldgräberstimmung in der mRNA-Branche: Nachdem die ersten den Schritt in die klinischen Studien mit Patienten geschafft hatten, öffneten Investoren ihre Portemonnaies. Zum großen mRNA-Player mausert sich das Unternehmen BioNTech. Es ging im Oktober 2019 an die US-Börse – seitdem ist der Aktienwert um über 250 Prozent gestiegen. Das Tübinger Biotech-Unternehmen CureVac ist – noch – nicht an der Börse. Aber angesichts der Pandemie waren deren Impfstoff-Entwicklungen der EU eine Kreditzusage von 80 Millionen Euro wert.

Doch so elegant das Prinzip klingt und so hoch es von Investoren bewertet wird, es hat seine Tücken. Tatsächlich träumen Forscher seit 30 Jahren von einer derartigen Therapie. Inzwischen haben die Forscher jedoch wichtige Durchbrüche erzielt – sowohl bei der Effizienz, mit der die mRNA an die richtigen Stellen im Körper tranportiert, als auch dort verwertet wird. Dennoch: Dänische Wissenschaftler der Universität Kopenhagen folgerten im Dezember 2019 in Pharmaceutics: "Angesichts der vielen aktuellen Studien sind mRNA-Impfstoffe vielversprechend. Aber die Technologie birgt so vielfältige Probleme, dass der Weg von der Werkbank ans Krankenbett noch nicht frei ist."

Die Zulassungsbehörden in den USA sehen das offenbar lockerer, sie haben nach nur acht Wochen mit Labortests die Impfung menschlicher Versuchsteilnehmer mit einem mRNA-Impfstoff gegen COVID-19 vom US-Unternehmen Moderna genehmigt. Denn die mRNA-Systeme wecken die Hoffnung, schnell viele Menschen schützen zu können. Bei herkömmlichen Impfsystemen dauert es viele Monate oder sogar Jahre, bis genug Impfdosen für Massenimpfungen hergestellt werden können. Bei mRNA-Impfstoffen ist das anders. Ein wirksames Rezept kann überall auf der Welt mit vergleichsweise geringem Aufwand nachgebaut werden. Maschinen stecken die RNA-Bausteine einfach aneinander.

Den vollständigen Beitrag lesen Sie in der aktuellen Ausgabe von Technology Review (jetzt im Handel).

(jle)