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Medizintechnik-Messe Medica: Apps, intelligente Pflaster und Tricorder sollen es richten

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Die elektronische Gesundheitskarte (eGK) löst 2014 die ungültig werdende Krankenversicherungskarte ab. Die Ärzte verhandeln noch, wie viel sie für den fast freiwilligen Stammdatenabgleich der Versichertendaten bekommen und ob sie dafür Umsatzsteuer zahlen müssen, da diese IT-Routineabfrage keine ärztliche Leistung darstellt. Auf der Medizinmesse Medica löst die Frage nach der eGK aber eher gelangweilte Reaktionen aus.

Neue Einsatzszenarien und Angebote rund um die eGK gibt es noch nicht. Man hofft auf sexy Smartphone-Apps und auf neue schicke Geräte, die das Arzt-Patientenverhältnis mit neuen Datenströmen bereichern und damit automatisch die Akzeptanz der Gesundheitskarte erhöhen. Hausbesuch 2.0 ist das Thema der Telemedizin-Befürworter. Vehement werden staatliche Anreize für den ärztlichen Hausbesuch über das Netz gefordert.

Zur Eröffnung der Medica mahnte die nordrhein-westfälische Gesundheits-Staatssekretärin Marlis Bredehorst, die telematische Medizin müsse so einfach und attraktiv wie ein Smartphone werden, damit die Menschen die Technik akzeptieren und nutzen. Später sprach Matthias von Schwanenflügel, Leiter der Unterabteilung Telematik im Bundesgesundheitsministerium davon, dass Gesundheitsapps und -geräte das Arzt-Patientenverhältnis nachhaltig verändern werden, dass die ganze Diskussion pro und kontra Gesundheitskarte vergessen werde. So fügte es sich, dass die Messebesucher in Düsseldorf erstmals einen "mHealth Playground" mit vielen Apps und Gerätchen besuchen können. Die Hardware wird von Huawei gestellt, das in Angeboten für die Quantified Self-Bewegung weltweit ein großes Potenzial sieht.

Das intelligente Pflaster Metria...

Zu den Vorzeigeprodukten gehört das "intelligente Pflaster" Metria von Vancive, das die Deutsche Telekom in Zusammenarbeit mit Medisana anbietet und auf der Medica zeigte. Es wird sieben Tage lang auf der Haut getragen und sammelt 20 verschiedene Werte wie Blutdruck, Körpertemperatur, Schlafzeiten, körperliche Aktivitäten oder Schrittzahlen, die dann aufs Smartphone wandern. Über eine deutsche Cloud der Telekom gelangen die Daten zum Arzt, der seinem Patienten Tipps für die Lebensführung gibt und eventuell die Medizindatensatz auf der eGK (früher Notfalldatensatz genannt) um Hinweise für andere Ärzte ergänzt. Aktuell wird an einer Notarzt-Version des Pflasters gearbeitet, das beim Noteinsatz aufgeklebt wird und alle wichtigen Parameter zum Tablet des Arztes schickt. Anders als der FitBit, die Runtastic-Brustschnalle und das Jawbone Up soll das Metria-Pflaster nur in Zusammenarbeit mit Ärzten appliziert werden.

...wird unauffällig unter der Kleidung getragen.

Ein weiteres Gerät dieser Klasse ist der in Düsseldorf nur als Prototyp gezeigte Pulsewave Max von Biosign. Das Gerät, das wie ein normaler Blutdruckmesser aussieht, ist Finalist bei dem mit 10 Millionen US-Dollar dotierten Tricoder-Xprize von Qualcomm. Hier geht es darum, den legendären Tricoder aus dem Raumschiff Enterprise nachzuempfinden. Deshalb bekommt die Endversion des Pulsewave Max ein cyberscharfes Aussehen.

Technisch zeigt das Gerät die Pulskurve (Sphygmogramm), die Sauerstoffsättigung, die Körpertemperatur und das Elektrokardiogramm an. Weitere Parameter werden gemessen, per Bluetooth zum Handy und von dort in die Biosign-Cloud nach Kanada übertragen, die dann sechs weitere Auswertungen durchführt und den Blutdruck, die Atemfrequenz, den Herzrhythmus und eventuelle Anomalien auf dem Smartphone anzeigt. Ob es reicht, den Tricoder zu ersetzen (der ein Salzstreuer mit Blinkenlights war), bleibt abzuwarten. Der ausgelobte Preis gilt einem Gerät, das Patienten besser als ein Haufen Ärzte untersuchen kann.

Selbst einen Sessel darf man in Zukunft in diese Klasse einordnen, jedenfalls dann, wenn er GEWOS heißt. Das ist ein Akronym für "Gesund wohnen mit Stil". Das Sitzmöbel des Fraunhofer-Institutes IIS misst Blutdruck, Körpergewicht, Herzfrequenz und Sauerstoffsättigung und schickt die Daten zu einem angeschlossenen Tablet oder auf den TV-Bildschirm. Wenn die Werte schlecht sind, wird aus dem Sessel eine Ruder-Galeere und die Couchkartoffel muss an die Riemen.

All diese Systeme sind darauf ausgelegt, mit dem Arzt zu kommunizieren. In der Diskussion über die Zukunft der Telemedizin und der Gesundheitskarte schwärmte Hans-Jochen Brauns von der deutschen Gesellschaft für Telemedizin von einer Berliner Ärztin, die in einem Feldversuch ihre Hausbesuche dank installierter Messsysteme online erledigt. Sie kriegt dafür kein Geld, weil die kassenärztliche Vereinigung solche Besuche nicht mit den durchschnittlich gezahlten 25 Euro abrechnet, habe aber den "Benefit", abends rechtzeitig bei ihren Kindern zu sein. Ob dies für andere Ärzte Ansporn genug ist, in die Telemedizin einzusteigen, wird die Zukunft zeigen. (anw)

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