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Medwedew schließt russischen Sonderweg in die digitale Welt aus

Der russische Ministerpräsident Dmitri Medwedew betonte auf einem Innovationsforum, es sei problematisch, wenn kritische Infrastrukturen über fremde Plattformen kontrolliert würden. Vordenker kündigten den "perfekten Kapitalismus" an.

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Medwedew schließt russischen Sonderweg in die digitale Welt aus

(Bild: Stefan Krempl)

Wenig erfreut zeigte sich der russische Ministerpräsident Dmitri Medwedew am Dienstag beim "Open Innovations-Forum" im Technologiepark Skolkowo bei Moskau, dass Russland bislang keine treibende Kraft bei der Digitalisierung sei. "Wir sind nicht glücklich darüber, dass wir uns das nicht ausgedacht haben", erklärte er unter Verweis auf die Basistechniken der vernetzten Welt. "Wir haben aber keinen Sonderweg."

Die ganze Menschheit gehe in Richtung Künstlicher Intelligenz (KI) und Internet der Dinge, erklärte der Spitzenpolitiker. "Wir werden dabei unsere Vorteile, Fähigkeiten, Talente und unser Humankapital nutzen", unterstrich er. "Wir werden unser eigenes Spiel spielen, aber gemeinsam mit anderen." Die russische Regierung habe mit ihrem Programm für die digitale Wirtschaft jüngst den Grundstein dafür gelegt und bemühe sich nun, etwa auch mit der Mobilisierung von mehr Wagniskapital ganz nach dem Vorbild des Silicon Valley "in die digitale Welt zu springen". Als deren größten Vorteil bezeichnete er die Möglichkeit für alle Nutzer, "Zeit und Anstrengungen einzusparen".

Besorgt zeigte sich Medwedew über das Internet der Dinge, da darüber "kritische Infrastrukturen und das alltägliche Leben von Leuten von außen, von fremden Plattformen" kontrolliert werden könnten. Es gelte daher in diesem Bereich und beim E-Government einen gesetzlichen Rahmen zu schaffen mit Schwerpunkten wie Rechten an immateriellen Gütern oder Nutzungsoptionen für persönliche und öffentliche Informationen. "Daten sind das neue Öl", konstatierte der promovierte Jurist ganz im Jargon westlicher Kollegen. Russland plane, über 50 Prozent der Verwaltungsdienstleistungen in den nächsten Jahren online zu bringen. Diese Initiative müsse aber entsprechend abgesichert sein.

Auch bei Bitcoin und der dahinterliegenden Datenbanktechnik Blockchain sieht Medwedew politischen Handlungsbedarf. Mit den darauf aufbauenden "smarten Verträgen" könnten "ganze Rechtsgeschäfte transformiert" werden, meinte er. Keinem Land, keiner Gruppe gehöre diese Technik. Bislang verlaufe der Boom der Kryptowährungen aber ohne klare Bestimmungen, was "große Risiken" mit sich bringe. Die russische Regierung prüfe daher, "neue Regulierungsstandards" einzuführen. Kurz davor hatte der Kreml verlauten lassen, einen "Kryptorubel" als staatlich beaufsichtige Bitcoin-Alternative ins Rollen bringen zu wollen. Dabei soll es nicht jedem möglich sein, selbst entsprechende virtuelle Münzen zu generieren.

Herman Gref, Chef der Sberbank, sah die Blockchain dagegen als vielsprechender, da sich damit schier alle Prozesse im Finanzgeschäft automatisieren ließen. Künstliche Intelligenz (KI) bezeichnete er als ähnlich treibende Kraft in einem frühen Stadium wie "den Strom vor einem Jahrhundert". Das von ihm geführte größte Finanzhaus Russlands werde die Technik bei der Kreditvergabe einsetzen. Schon jetzt wickele es entsprechende Geschäfte mit Einzelhändlern zu 99 Prozent ohne menschliche Beteiligung ab. Die russische Entwicklungsbank VEB kündigte parallel ein Pilotprojekt zusammen mit einer Klinik in Nowgorod an, um die Lieferkette von Medikamenten mit einem Blockchain-basierten System zu überwachen und Fälschungen auszuschließen.

Für mehr Kooperationen zwischen Russland und EU-Staaten in der Digitalpolitik und generell mehr Offenheit warb der Luxemburger Premierminister Xavier Bettel: "Wir sind hier eingequetscht zwischen Asien und den USA", machte er als Gemeinsamkeit aus. Für seine Regierung, in der er selbst die Netzpolitik koordiniere, habe er die Parole ausgegeben: "Think digital by default." Noch ärgere er sich aber jedes Mal, "wenn ich viermal das gleiche Dokument senden muss". Höchste Priorität habe für ihn die Frage der Bildung. Es reiche nicht aus, wenn heutige Schüler "sich für die nächsten 20 Jahre ans Programmieren" machten. Gelernt werden müssten auch die Fähigkeiten, in Teams zu arbeiten und Ideen auszutauschen.

Die Ausbildung sei tatsächlich der einzige Bereich, um den sich Regierungen und Unternehmen ernsthaft Sorgen machen müssten, pflichtete Jack Ma, Gründer des chinesischen Online-Giganten Alibaba, Bettel bei. Kindern beizubringen, ihr Gedächtnis zu trainieren oder schneller zu rechnen bringe nichts, da die Menschheit auf diesem Feld mit den Maschinen eh nicht mehr konkurrieren könne. Mindestens so wichtig wie der Intelligenz- seien der Emotions- und der "Liebesquotient". Werte und Wertschätzung könne die KI nämlich nie lernen. Für alle anderen Probleme rund um die Technik gebe es unter den sieben Milliarden Menschen auf der Welt genug talentierte Geister, um Lösungen zu finden. Entscheidend sei, die Teilhabe aller Bürger daran zu sichern und alle ans Netz zu bringen. Dafür brauche es globale Anstrengungen im Bereich der "G200"; G20-Runden seien dafür viel zu klein gedacht.

Um vom künftigen "perfekten Kapitalismus" zu schwärmen, nutzte der US-Physiker Michio Kaku die Gunst der Stunde im früheren marxistischen Imperium. Mit smarten Kontaktlinsen kann laut seinem Szenario bald jeder herausfinden, mit welcher Profitspanne ein Produkt verkauft wird und welcher Händler unfaire Aufschläge durchzudrücken versuche. Die Verlierer dabei seien also wieder einmal die Mittelmänner. Nächster Schritt sei das "Brainnet", in dem statt Datenpaketen "Emotionen, Gefühle und Erinnerungen" durch die Leitungen wanderten. Emojis könnten eine Vorstufe dafür sein. (Stefan Krempl) / (kbe)

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