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Megaupload: Der wohlkalkulierte Dominoeffekt

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Eine Woche ist es jetzt her, dass der Sharehoster Megaupload "hochgenommen" wurde. In einer international konzertierten Aktion wurden vier der Firmenführer verhaftet, die Domains von Megaupload und Megavideo gesperrt, Server heruntergefahren und Privatvermögen beschlagnahmt. Die Anklage lautet auf Urheberverletzungen in großem Stil sowie Geldwäsche.

Die spektakulär inszenierte Polizeiaktion fand ein breites Medienecho; die extravagante Figur des Kim Schmitz war für den Boulevard gefundenes Fressen. Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion nutzte den Fall für eine Stellungnahme zur Unterstützung des US-Pirateriegesetzentwurfs SOPA, von dem sich einige Fraktionsmitglieder gegenüber Spiegel Online gleich wieder distanzierten. Am anderen Ende des Spektrums kommentierte die Piratenpartei das Geschehen unter der Überschrift "Contentmafia lässt europäische Bürger nach US-Gesetzen in Neuseeland verhaften" und verglich Sharehoster mit Lagerhallenbetreibern.

Kim Schmitz bleibt in Neuseeland in Haft.

(Bild: dpa)

Hatten Beobachter zunächst vermutet, dass die verbleibenden Sharehoster die Lücke einfach schließen würde, ergab sich schnell ein anderes Bild: Prominente Hoster wie FileSonic und FileServe reduzierten ihr Angebot auf ein digitales Schließfach, kündigten ihre Bonusprogramme, suspendierten Tausende von Uploader-Accounts und gingen dann rigoros ans Löschen urheberrechtlich geschützter Inhalte.

Einigen Sharehostern jagte die Lektüre der 72-seitigen Anklageschrift offenbar einen derartigen Schreck ein, dass sie alle Zugriffe aus den USA blockierten oder ihre Dienste gar komplett aufgaben. Einer Statistik von Arbor Networks zufolge sackte der weltweite Internet-Traffic unmittelbar nach dem Abschalten von MegaUpload deutlich ab.

Nur wenige der Sharehoster behielten die Ruhe, darunter MediaFire und RapidShare. RapidShare hatte sich schon in der Vergangenheit gegen Anschuldigungen der Komplizenschaft bei Urheberrechtsverletzung zu Wehr gesetzt und löscht von Rechtsinhabern beanstandete Dateien mittlerweile sehr schnell. Einen Tag nach dem Mega-Raid veröffentlichte RapidShare sogar iOS-Apps zum Zugriff auf seinen Dienst.

Von Dauer war der Abschreckungseffekt allerdings nicht: FileServe hob am Donnerstag die Einschränkung wieder auf, dass nur Uploader ihre eigenen Dateien herunterladen können – nach einer massiven Löschungsaktion. FileFactory entschuldigt sich derzeit auf seiner Homepage für eventuelle Download-Abbrüche aufgrund von "heavy traffic volume". In Webmaster-Foren gehen die Uploader nach anfänglicher Aufregung zur Tagesordnung zurück: Wer bezahlt für meine Uploads am meisten Provision? Das Abschalten von Megaupload hat dem Netz also keinesfalls auf einen Schlag die große Lust am Saugen genommen.

Es drängt sich die Vermutung auf, dass das FBI sein Ziel durchaus auch nach maximalem PR-Effekt ausgesucht hatte. Kim Schmitz hatte seine Firma immer wieder in die Schlagzeilen gebracht – zuletzt mit einem auf YouTube veröffentlichten "Mega Song", in dem US-Prominente wie P Diddy, Kim Kardashian und Serena Williams erklärten, wie gern sie Megaupload nutz(t)en. Universal Music hatte das Video als Copyright-Verletzung markiert, woraufhin YouTube es offline nahm. Erst eine Klage durch Megaupload gegen Universal stellte das Video wieder her. Die Klage wurde einen Tag nach der Razzia in Neuseeland fallengelassen.

Geschickt passten die Ermittler den besten Zeitpunkt für ihren Zugriff ab: Zum Geburtstag des Firmengründers Kim Schmitz konnten sie vier der Hauptverantwortlichen des Unternehmens auf einen Streich verhaften – in Neuseeland. Das Auslieferungsverfahren in die USA soll am 22. Februar beginnen. Hätte Schmitz in seinem Geburtsland gefeiert, wäre es nicht zu den Verhaftungen gekommen – Deutschland liefert seine Staatsbürger nicht in die USA aus. Der sechste im Bunde, der deutsche "Head of Business Development" des Unternehmens, ist in Frankfurt daher vor einer Auslieferung sicher.

Zwei der Firmenchefs wurden mittlerweile auf Kaution freigelassen, Kim Schmitz und ein anderer bleiben in Untersuchungshaft. Bei Schmitz sah der neuseeländische Untersuchungsrichter erhöhte Fluchtgefahr. Als Beleg hatte das FBI das Protokoll eines Skype-Gesprächs zwischen zwei der Angeklagten ins Feld geführt. Demnach sorgten sich der CTO und der Hauptprogrammierer schon 2007, ob Schmitz beim ersten Anzeichen juristischer Probleme mit allem Geld, dessen er habhaft werden könnte, das Weite suchen würde. Die Verteidigung hielt vergeblich dagegen, dass Schmitz eine Frau und drei Kinder habe und die Behörden sein gesamtes Privatvermögen beschlagnahmt hätten.

Es ist zu erwarten, dass der Fall Megaupload in den kommenden Wochen weiterhin von unterschiedlichen Seiten instrumentalisiert wird. Als Argument für eine Ausweitung der Urheberrechte durch Gesetzesentwürfe wie SOPA und PIPA sowie internationale Abkommen wie ACTA dürfte der Sharehoster allerdings nicht taugen – der internationale Zugriff der Ermittlungsbehörden erfolgte ja auf Basis der bereits bestehenden Rechtslage. (ghi)