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Mehr Regierung oder ICANN-Klone für die Internet-Verwaltung

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Europas Regierungen fordern mehr Einfluss in der Verwaltung des DNS. In einer Vorlage für die EU-Ratssitzung in der kommenden Woche heißt es dazu: "Es bedarf einer Klärung des Private-Public Partnership-Modells in der ICANN, in der die Regierungen einen größeren Anteil haben sollten, besonders in Fragen von öffentlichem Belang." Anfang kommender Woche werden sich die Fachminister der Mitgliedsländer über die EU-Position zur Reform der Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN) beraten. Bereits übermorgen ist auch ein erster Einblick in die aktuelle Position des US-amerikanische Department of Commerce (DoC) möglich. Wie US-Jurist und ICANN-Experte Michael Froomkin auf ICANN-Watch berichtet, werden Vertreter der US-Regierung und Kritiker bei einer Anhörung des Senatsausschusses für Wissenschaft und Technologie gehört.

Während innerhalb der EU dringend die Internationalisierung der ICANN-Aufsicht angemahnt wird -- bislang liegt diese ausschließlich in der Hand des DoC -- wird in den USA derzeit eher eine Neuausschreibung oder Aufspaltung der ICANN-Aufgaben unter Beibehaltung der US-Kontrollfunktion diskutiert. Die US-Juristen David Johnson und Susan Crawford gingen so etwa in der vergangenen Woche mit dem Vorschlag an die Öffentlichkeit, "ICANN-Klone" zuzulassen, die mit der Organisation um die Gunst von Registries konkurrieren sollen. Sollte der Neuanbieter einer Registry bei ICANN nicht zum Zug kommen, dann, so die Juristen, könnte er sein Glück bei den der ICANN gleichgestellten Wettbewerbern versuchen. Allerdings siedeln Johnson und Crawford die zentrale Aufsicht über das Root-Zone-File im DNS weiter beim DoC an. Die von der EU geforderte und nach den Terroranschlägen des 11. September aus der Perspektive der USA offensichtlich noch weniger attraktive Internationalisierung bliebe dabei auf der Strecke.

Die EU-Bürokratie dagegen kann mit der ICANN durchaus weiter leben, vor allem dann, wenn den Regierungen mehr Mitsprache eingeräumt wird. Dabei ist man auf direkte Sitze im Direktorium übrigens gar nicht scharf. Vielmehr soll der Einfluss des Government Advisory Committee (GAC) ausgedehnt werden. Entscheidungen des GAC, das bislang lediglich als beratendes Gremium gehört wurde, sollen die ICANN-Oberen dann nur noch mit Zweidrittelmehrheit widersprechen können. Auf diese Weise will das GAC die Vertretung der allgmeinen Öffentlichkeit wahrnehmen, vor allem bei Wettbewerbs-, DNS-Sicherheits- und Markenrechtsfragen, bei Datenschutz und Privatheit, mit Blick auf Sprachen und Ländernamen im DNS und im Bereich der Länderregistraturen. Finanzieren soll sich die ICANN aber weiterhin privat; Geld gibt es nur für das GAC-Sekretariat.

Noch eine Finanzierungsabsage hat die Organisation, die ohnehin über Geldprobleme klagt, von den in Centr (Council of European Top Level Domain Registries) organisierten Länderregistraren entgegennehmen müssen. Die ccTLD-Manager dürften das Ansinnen der Regierungen auf eine ICANN mit mehr Regierungseinfluss und mehr Befugnissen mit Sorge sehen. Sie votieren eher für eine klare (finanzielle wie administrative) Trennung der ICANN-Aufsicht über globale Top Level Domains wie com, info, museum und Länderdomains wie de, fr, uk. Letztere fallen demnach in die Verantwortung der lokalen Registrierstellen und könne auch lokal mit der jeweiligen Nutzergemeinde und der lokalen Regierung ausgehandelt werden. Man wolle mit den Beiträgen für den recht überschaubaren Betrieb der IANA-Datenbank aber nicht die wesentlich aufwendigere Arbeit zu den gTLDs querfinanzieren.

Die Beteiligten könnten durchaus auch zum Schluss gekommen sein, dass die laufende Papierschlacht vor dem ICANN-Treffen in Bukarest sie schon genug Zeit und Geld kostet. Es ist kein Wunder, dass ICANNs idealistisch gestartete Nutzervertretung kaum noch mithalten kann. Von diesem so genannten "At-large-Prozess" der Vertretung der Internet-Nutzer in der Internet-Verwaltung ist in den verschiedenen Konzepten keine Rede mehr. (Monika Ermert) / (jk)