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Mehr als nur ein geteiltes Büro: Das steckt hinter dem Coworking

Coworking Spaces gibt es nicht nur in den Metropolen. In Niedersachsen richten sie sich an Gründer, Freiberufler und wecken Interesse bei großen Unternehmen.

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Undatiertes Foto eines "Coworking" Büros der Firma Deskwanted.com in San Francisco, USA.

(Bild: dpa, Deskwanted.com)

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Braune Dreadlock-Strähnen stapeln sich auf Janina Schusters Schreibtisch. Daneben liegen diverse Umschläge und Verpackungen. Auf den Plätzen nebenan wird schon eifrig getippt, als Schuster den Coworking Space betritt. Auch am späten Vormittag muss sich in das Gemeinschaftsbüro in Hannover, das Menschen aus verschiedenen Branchen zusammen nutzen, aber niemand aus Angst vor entdeckter Verspätung hinein schleichen: Chefs gibt es hier keine.

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"Jeder hat seinen eigenen Zugang, man kann arbeiten, wann man möchte", sagt Schuster, die von hier aus für ein Berliner Unternehmen Haarverlängerungen, Schmuck und Mützen für Filz-Frisuren vertreibt. Vor einigen Monaten hat die 30-Jährige ihr WG-Zimmer gegen den Arbeitsplatz im Coworking Space getauscht.

Die Büros des hannoverschen Anbieters "Space Coworking" liegen in einem Hinterhof, nicht weit vom Hauptbahnhof entfernt. Sie sind mit schlichten Möbeln eingerichtet. Farbklecksmalereien und schalldämmende Schaumstoffteile zieren die weißen Wände. "Hier sitze ich nicht mehr allein und vor ungeputzten Fenstern", sagt Schuster.

Klaus-Peter Stiefel vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation in Stuttgart kennt die Vorteile der Spaces gegenüber dem Home Office: "Arbeit und Privatleben lassen sich besser trennen." Coworker würden weniger abgelenkt, etwa durch die eigenen Kinder. Oder eben durch ungeputzte Fester. Laut Werner Eichhorst vom Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA) sind die Coworking Spaces vor allem für die Kreativ- und Medienbranche attraktiv.

Während große Coworking-Ketten wie WeWork und Mindspace Niedersachsen noch meiden, gibt es im Land viele kleinere Anbieter. 37 Coworking Spaces, offene Werkstätten und Technologiezentren für junge Gründer zählt das Arbeitsministerium im Land. Gefördert werden zudem acht regionale Start-up-Zentren, in denen oft Coworking Spaces entstehen. Dazu zählen das Technologie- und Gründerzentrum Oldenburg, das InnovationsCentrum Osnabrück, die Wirtschaftsförderungsgesellschaft Lüneburg sowie die Braunschweig Zukunft GmbH.

Fortan will das Arbeitsministerium bis zu zehn dieser Zentren fördern, wie eine Sprecherin sagte. Die finanziellen Mittel sollen für die Jahre 2020 bis 2022 aufgestockt werden: 2,1 Millionen Euro stehen dann zur Verfügung. Aktuell sind es 1,3 Millionen.

"Die Menschen arbeiten im Coworking Space nicht nur nebeneinander her, sie tauschen sich auch aus", sagt Arbeitsmarktforscher Stiefel. So entstünden Netzwerke und neue, fachübergreifende Projekte. Auch für Unternehmen sei diese Innovationsfähigkeit interessant. Viele Firmen lagerten deshalb Projekte in die Coworking Spaces aus.

Constanze Vogt kennt die Vorteile, hat mit Hilfe anderer Coworker schon Kontakte zu potenziellen Kunden geknüpft. Die Freiberuflerin berät Unternehmen, die umstrukturieren und sich etwa für die Digitalisierung rüsten wollen. Die 37-Jährige hat sich vor zweieinhalb Jahren selbstständig gemacht. "Das hat mich befreit", sagt Vogt, die gerade einen Eintrag für ihre Webseite auf dem Laptop tippt. Ihr Arbeitsstatus bereite ihr keine Zukunftsangst: "Ich glaube sowieso nicht, dass es noch viel staatliche Rente geben wird."

Die Firma Space Coworking bietet neben acht Coworking-Schreibtischen auch Tagungsräume an. Reine Coworking-Arbeitsplätze sind laut Gründer Frank Haupt auch erst ab einer großen Menge rentabel: "Man muss jeden Platz mindestens zweieinhalb Mal vermieten." Ob die Branche an sich profitabel ist, darüber wissen auch Soziologen wie Eichhorst wenig.

Helena Fischer besetzt ebenfalls einen von Haupts Schreibtischen – solange die Bahnstrecke zwischen Hannover und Göttingen saniert wird. Ihr Arbeitgeber, ein Wissenschaftsverlag aus Göttingen, hat den Platz übergangsweise für die Hannoveranerin angemietet. "Ich arbeite hier teilweise produktiver als in meinem normalen Büro", sagt Fischer, die psychologische Tests programmiert. Sie könne sich das Coworken als Dauerlösung vorstellen – um nicht mehr pendeln zu müssen.

Insgesamt zählt die Online-Vergleichsplattform "Coworking Guide" 600 Spaces in Deutschland. Der Erhebung "Global Coworking Survey" zufolge kamen 2018 im Schnitt je 68 Leute auf einen der flexiblen Räume. Demnach waren im vorigen Jahr 40.000 Menschen in der Bundesrepublik Coworker. Stiefel hält diese Hochrechnung für realistisch.





"Die Zahl der Coworking-Nutzer steigt seit Jahren", erklärt der Wissenschaftler. "Das Wachstum liegt an den großen Vorteilen – nicht am Zuwachs von Freelancern." Die Zahl der Selbstständigen blieb nach Informationen des Bundesarbeitsministeriums in den vergangenen 20 Jahren nahezu konstant. Eichhorst glaubt: "Eine Rezession könnte das ändern." Der Arbeitsforscher meint aber auch: "Die große Expansionsphase der Coworking Spaces ist vorbei."

Er schätzt, dass das Coworking kein Massenphänomen wird. "Es ist an bestimmte Orte und Berufe geknüpft." Selbst für Gründer sei das Coworken meist nicht von Dauer: "Es ist eher attraktiv für den Beginn einer Unternehmensgründung, sozusagen als Übergangsstadium." (bme)