Mensch mit Wissen überfordert – Computerchip implantieren?

Das Wissen wächst, das menschliche Gehirn nicht. Für den Medienphilosophen Weibel ist der Mensch deshalb heillos überfordert. Ein Computerchip im Kopf könnte helfen.

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Der beständige Zuwachs an Wissen überfordert die Menschen. Davon ist der Karlsruher Medienphilosoph Peter Weibel überzeugt. Um die Informations-Revolution zu überstehen, müsse der Mensch die Rechnerleistung seines Gehirns und seiner Sinnesorgane verbessern, sagte Weibel in einem Gespräch mit der dpa. Ähnlich dem Brust- und Herz-Implantat könne es auch ein Gehirn-Chip-Implantat geben. "Diese Vorstellung macht vielen Menschen Angst – aber sie folgt der Logik."

Der Mensch kontrolliere inzwischen die natürliche Umwelt einigermaßen erfolgreich. "Doch die Anzeichen mehren sich – von der Umweltkrise bis zur Finanzkrise –, dass er an der von ihm selbst geschaffenen künstlichen Umwelt zu scheitern droht", erläuterte Weibel. Als Beispiel nannte er die Finanzwelt, in der "Heerscharen von Menschen an Computern eine Armee von Algorithmen befehligen". Dabei verlören die Menschen Schlacht um Schlacht.

Cloud Computing als Blaupause

"In dieser explodierenden Wissens- und Mediengesellschaft muss der Mensch die technische Ausdehnung seiner natürlichen Sinnesorgane, bis hin zum Zentralorgan, dem Gehirn, verbessern, ähnlich dem Cloud Computing", sagte Weibel, der das Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe leitet. Der Mensch müsse Teil der technischen Wissensrevolution werden, wenn er nicht ihr Opfer werden wolle.

Schon jetzt haben Menschen nach Ansicht des Wissenschaftlers weit mehr Vertrauen in Rechner als in die Rechenleistungen ihrer Mitbürger. "Das fängt schon an der Kaufhauskasse an. Stellen Sie sich vor, die Kassiererin addiert die Preise im Kopf. Da würde jeder kontrollieren", erläuterte Weibel und schlussfolgert: "Die Fähigkeit, rechnen zu können, macht uns nicht zum Menschen. Das können Maschinen viel besser."

"Entschleunigung" keine Option

Der Wissensfortschritt sei nicht aufzuhalten. "Eine Entschleunigung gibt es nicht", ist sich Weibel sicher. Der Mensch könne aber nur dann Schritt halten, wenn er seine Natur verbessere. "Wir können das nicht mehr der Evolution überlassen." Bereits in den vergangenen Jahrzehnten habe der Mensch seine Sinnesorgane mit technischer Hilfe enorm erweitert. "Wir horchen mit der Radio-Astronomie Millionen von Kilometer tief ins Weltall und zeichnen Töne von dort auf, die unser Ohr allein nie wahrnehmen könnte." Für Weibel steht der Mensch an der Schwelle einer Exo-Evolution, einer von ihm selbst gesteuerten Evolution. (jh)