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Merkel an Gates: Mauerfall ist Produkt der Informationstechnologie

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Bundeskanzlerin Angela Merkel warnte in einer Gesprächsrunde mit Microsoft-Gründer Bill Gates davor, die von der Informationstechnik bewirkten gesellschaftlichen Veränderungen zu unterschätzen. "Wir haben die Auswirkungen der kulturellen Revolution durch den PC noch nicht erkannt", betonte sie auf dem Government Leaders Forum Europe des Softwareriesen in Berlin am heutigen Mittwoch. Zugleich bezeichnete sie den Mauerfall und den Sturz des Sowjetregimes als "Produkt der Informationstechnologie". Einen "großen historischen Erfolg" hätten "der Datenaustausch und das Internet" so schon errungen.

Das "Geheimnis von Microsoft" sei offenbar auch gewesen, "dass man es den Benutzern möglichst einfach macht", meinte Angela Merkel bei Microsofts Government Leaders Forum.

Diktatorische Systeme bekommen nach Ansicht der CDU-Politikerin "zunehmend ein prinzipielles Problem". Wenn Informationen weltweit verfügbar seien, "ist das Voraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg". Auch in Diktaturen müssten daher IT-Fähigkeiten vermittelt werden. Zugleich müssten diese diktatorischen Führungen aber sicherstellen, "dass Bürger nicht so mündig werden, dass sie das System kritisieren".

Gates selbst kürte hauptsächlich den Bildungsbereich zum Ort der nächsten IT-gesteuerten Revolution. Dabei rührte er vor allem die Werbetrommel für die 2006 gestartete Initiative IT-Fitness, die bis 2010 vier Millionen Menschen für den Umgang mit Computern im Berufsleben vorbereiten will. Hierzulande hat Microsoft Deutschland im Rahmen dieses Programms heute eine Aktion gestartet, mit der die "IT-fitteste" Schule gekürt werden soll. Als Hauptpreis winkt die PC-Ausrüstung eines Klassenzimmers im Wert von 50.000 Euro. Insgesamt haben sich an der Aktion laut Gates bereits über eine halbe Million Menschen in über 100 Ländern beteiligt. In Ungarn etwa sei die Zahl der Schüler, die noch keinen Kontakt mit Computer hatten, von einem Drittel auf weniger als fünf Prozent verringert worden. "Wir geben Software kostenlos oder verbilligte Programme heraus", erläuterte der Multimilliardär den Förderansatz der Redmonder. Der Gegenwert entspreche derzeit 200 Millionen Euro, daraus sollten aber "über 500 Millionen" werden.

Bill Gates kürte vor allem den Bildungsbereich zum Ort der nächsten IT-gesteuerten Revolution.

Besonders schwärmte der Software-Experte vom Tablet-PC-Programm für Schulen, das der Konzern, aus dessen aktiver Leitung Gates sich jüngst verabschiedete, aufgelegt hat. Sein Traum ist es, dass jeder Schüler einmal ein solches "Surfbrett" mit Microsoft-Software für das Erledigen von Hausaufgaben oder die Bearbeitung von Schulprojekten erhält. Auch die Lehrbücher könnten darauf gleich digital vorgehalten werden. Das größte entsprechende Förderunterfangen laufe in der nordspanischen Provinz Aragon, wo nach fünf Jahren 170 Schulen angeschlossen seien. Die PISA-Werte der dortigen Schüler hätten sich seitdem "deutlich verbessert", freute sich Gates, "vor allem im Bereich der Mathematik und der Naturwissenschaften". Die Zahl der ausgegebenen Tablet-PCs solle in diesem Schuljahr auf 12.500 anwachsen.

Ein spanischer Schüler führte zugleich auf der Bühne vor den rund 400 geladenen Gästen aus Politik und Wirtschaft vor, wie man heutzutage Klassenarbeiten mit Hilfe des Internet und Windows-Plattformen durchführt und Powerpoint-Präsentationen erstellt. Auf die englisch gestellte Frage von Gates, ob ihm das Arbeiten mit dem Tablet-PC gefalle, wusste der Schüler zunächst aber nicht zu antworten und bejahte sie erst nach einer Übersetzung ins Spanische mit einiger Verzögerung.

Allgemein gab Gates einen Einblick in das ihm zufolge bevorstehende "zweite digitale Jahrzehnt". Er bezeichnete "High-Definition"-Bildschirme und 3D-Repräsentationen als "fundamentale Veränderungen". Ferner würden immer mehr elektronische Geräte einschließlich TV und Autos mit dem Internet vernetzt und "nutzerzentriert" Informationen anzeigen. Dazu kämen berührungssensitive Schnittstellen und die Sprachsteuerung. Solche "natürlichen" Interfaces würden die Datenverarbeitung "viel umfassender" machen. Die größten Effekte erwartet Gates neben dem Bildungssektor in der Verwaltung, die sich zugänglicher und effektiver zeigen müsse, sowie im Gesundheitswesen. Microsoft werde in diesen Bereichen als Partner zur Verfügung stehen. Konkret nannte er die Mitarbeit an der Einrichtung der einheitlichen Behördennummer unter der 115. Aber auch in Slowenien etwa habe der Konzern ein eigenes E-Government-Center aufgebaut.

Merkel bezeichnete die Modernisierung der Verwaltung mit IT hierzulande als "schwieriges Thema wegen des subsidiären Staatsaufbaus". Das "Desaster" sei "zum Teil groß, weil jeder seine Software hat, jeder seine eigene Webseite macht". Einzelne Ministerien müssten hier Verantwortung abgeben, damit ein "Weg der Vereinheitlichung" gegangen werden könne. Die Politik müsse bereit sein, "sich in die Perspektive des Bürgers hineinzuversetzen". Das "Geheimnis von Microsoft" sei ja offenbar auch gewesen, "dass man es den Benutzern möglichst einfach macht", meinte die Kanzlerin, die anscheinend noch wenig Erfahrungen mit Plattformen wie beispielsweise Apples Mac gesammelt hat. Große Veränderungen erwartet Merkel nicht zuletzt in der Automobilindustrie: "Wir sind kurz vor dem Punkt, wo der Fahrer eigentlich nur noch Verzierung ist, den Rest steuert die Hard- und Software." Generell müsste sich Europa vor Augen führen, dass "unsere Rolle im 21. Jahrhundert" davon abhänge, "wie bestimmend wir im Bereich der IT sind".

Gates hatte seinen Lobby-Aufenthalt in Berlin für Unterredungen mit diversen Politikern genutzt. Am Vortag etwa trug er sich ins Gästebuch Berlins ein und plauderte über eine Viertelstunde lang mit dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). In Folge ließ ein Senatssprecher wissen, dass sich das Gespräch um die Microsoft-Konferenz ebenso gedreht habe wie um die wohltätige Stiftung von Gates, um Afrika und um die US-Immobilienkrise. Beschlüsse seien nicht gefasst worden. Die Linke rügte, dass es Gates bei seinen Auftritten in der Hauptstadt vor allem darum gegangen sei, mehr Betriebssysteme zu verkaufen.

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(Stefan Krempl) / (jk)