Microsoft-Mobilitätskonferenz: "Das Gros der Städte ist bald autofrei"

Eine Greenpeace-Aktivistin hat bei Microsoft ihr Szenario für eine CO2-freie Mobilität bis 2035 präsentiert. Damit soll "Flächengerechtigkeit" herrschen.

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(Bild: fuyu liu/Shutterstock.com)

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Aktuell sieht die Klimabilanz im Verkehr nicht gut aus. Die Autos sind dank boomender SUVs schwerer geworden, die Fahrten mehr, der Ausstoß von Treibhausgasen steigt unterm Strich. "Wir steuern damit in Richtung vier Grad und heißer", beklagte Marion Tiemann, Expertin für Klimawandel bei Greenpeace, am Dienstag auf der Online-Konferenz "Explained" von Microsoft zu nachhaltiger Mobilität. Doch ihre Vision für einen CO2-freien Verkehrssektor bis 2035 ist trotzdem rosig: "Das Gros der Städte ist autofrei. Es herrscht 'Flächengerechtigkeit'."

Mit der Corona-Pandemie und dem Boom von Homeoffice habe die Digitalisierung Wege reduziert, warf die Aktivistin per "Backcasting" einen Blick aus der Zukunft zurück in die heutige Zeit. Die Schienenkapazität sei nach und nach verdoppelt, der Straßenverkehr deutlich reduziert worden. Die Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen betrage seit vielen Jahren 120 km/h. Bereits 2032 sei es soweit gewesen, dass alle Autos elektrisch, kleiner, leichter und weniger gefahren seien bei "mehr geteilter, öffentlicher Mobilität". Der Strom für die Fahrzeuge komme aus erneuerbaren Energien.

Auch auf dem Land zu leben bedeute nicht mehr automatisch, ein Auto haben zu müssen, führte Tiemann aus. On-demand-Sharing, Rufbusse und "sehr schnelles Internet" machten es möglich; noch erforderliches Pendeln erfolge mit E-Bike und Pedelecs. Im ÖPNV gebe es einfache Ticketsysteme, sodass sich die Menge der damit zurückgelegten Wege verdoppelt habe. Die Daten befänden sich in kommunaler Hand, um Angebote verbessern zu können. Stadtautobahnen seien mit Wohnungen überbaut worden, auch die per Rad zurückgelegten Wege hätten sich verdoppelt. Abgase seien unbekannt, Straßen dienten als Begegnungsorte der Lebensqualität, auf denen die Anwohner tanzten und an großen Tischen tafelten.

"Die Smart City braucht keine Autos", betonte die Kampagnenleiterin. Die Regierung müsse aber dafür sorgen, dass kein Geld in den Verbrennungsmotor sowie in Öl und Gas investiert werde, um das Szenario wahr werden zu lassen. Angesichts des Strukturwandels vermisse sie Ansätze in den Ministerien, um über die Autoindustrie hinauszudenken. Den Herstellern warf sie eine falsche, mit viel Geld für Werbung unterfütterte Modellpolitik zu SUVs vor. Sie teile zwar die Sorge über ein Comeback des Individualautos wegen Corona. Das Virus könne aber auch "große Veränderungen in der Gesellschaft" beflügeln.

Mit dem "Chancendiskurs" halte er sich zwar noch zurück, kommentierte Dirk Meyer, Leiter der Zentralabteilung Verwaltung, Haushalt, Forschung, Digitalisierung im Bundesumweltministerium, die Steilvorlage bei der Online-Debatte. Die Greenpeace-Vision habe aber "etwas extrem Charmantes, weil sie hilft, unser Leben neu zu organisieren". Das Gebot der Klimaneutralität fordere dazu heraus, Leben, Wohnen und Arbeiten anders zu gestalten.

Die Debatte der Microsoft "Explained" fand online statt.

(Bild: Screenshot)

"Wie wir heute Automobilität, wie wir Städte konstruiert haben, erscheint nicht als dauerhaft lebenswert", konstatierte der Regierungsvertreter. Allerdings müssten sich die ÖPNV-Unternehmen Gedanken machen, wie sie das Pandemie-bedingte Sicherheitsverständnis der Nutzer berücksichtigen könnten. Die IT-Wirtschaft sollte zudem stärker aufzeigen, "wie die Digitalisierung auf Nachhaltigkeit einzahlt".

"Viel Sympathisches" machte auch Ralf Pfitzner, Leiter Nachhaltigkeit beim Microsoft-Partner Volkswagen, in dem Szenario der Umweltschutzorganisation aus. Nur "beim Timing" habe er Bedenken. VW wolle ab 2040 keine Verbrenner mehr verkaufen und bis 2050 CO2-neutral werden. Schon jetzt verpflichte man aber die Lieferanten, Grünstrom einzusetzen für Batterien für E-Fahrzeuge. Es gelte aber noch, Barrieren für den Ausbau der Erneuerbaren zu reduzieren und eine "vernünftige Energiewende" hinzukriegen.

Konkurrenten im Bereich Elektromobilität schnitten derzeit zumindest an der Börse besser ab, räumte Pfitzner ein. "Tesla hat ein IT-Profil und wird wie eine Tech-Company gehandelt. Da haben wir noch Nachholbedarf." Die Wolfsburger, deren kommendes E-Modell ID.3 im Bereich Programmcode noch schwächelt, hätten dazu 5000 Software-Ingenieure in einer neuen Einheit organisiert und schulten Mitarbeiter im großen Stil in Richtung IT um. Ziel sei es, E-Autos "nicht nur für Millionäre, sondern für die Millionen" zu bauen.

Einen Nachfragerückgang von 70 Prozent und 90 Prozent weniger Einnahmen über Ticketverkäufe beklagte Henry Widera, CIO der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), angesichts der Corona-Krise. "Wir brauchen Unterstützung von staatlicher Seite." Dank digitaler Lösungen wie der Mobilitäts-App Jelbi habe man aber viel umstellen können und empfehle nun "optimierte Routen" mit weniger Umsteigen, aber auch mehr Fußgängerwegen. Sitze aus den 1400 Bussen, die bis Ende 2030 komplett elektrifiziert werden sollen, ließen sich aber nicht einfach herausnehmen, um den Abstand zu erhöhen.

Auch der österreichische Bahn- und Busbetreiber ÖBB müsse angesichts des Virus "massivst sparen", ergänzte Michaela Huber aus dem Vorstand des Unternehmens. Technologische Lösungen könnten helfen: "Je weniger Klicks ich brauche, um buchen zu können, umso interessanter wird der Zug." Wenn ein Fahrgast nur noch "mit Geotracking verfolgt" würde und über eine Jahresabrechnung bezahle, könnte Bahnfahren noch einfacher werden. Der Betrieb decke seinen Energiebedarf seit 2018 zu 100 Prozent aus den Erneuerbaren, Nutzer seien damit um 31-mal umweltfreundlicher unterwegs als mit dem Flugzeug. (olb)