Microsoft-Polizeisymposium: Big Data und Polizei-Cloud

Auf einem Polizeisymposium in der Kölner Niederlassung hat Microsoft Vertretern der Ermittlungsbehörden Anwendungen von Big Data bis zu Windows-8-Apps vorgeführt.

Lesezeit: 4 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 49 Beiträge
Von
  • Torsten Kleinz

Microsoft ist seit langem Geschäftspartner der Ermittlungsbehörden weltweit. Auf einem Polizeisymposium in der Kölner Niederlassung hat der Konzern am Donnerstag Vertretern der Ermittlungsbehörden Anwendungen von Big Data bis zu Windows-8-Apps vorgeführt. Die sind jedoch erst einmal damit beschäftigt, die Beamten mit Systemen wie einem einheitlichen Dokumentenmanagement auszustatten.

Sebastian Denef vom Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT war dafür, dass Polizeibehörden sich der sozialen Medien wie Twitter und Facebook engagieren. Als Vorbild in Deutschland diente ihm die Facebook-Seite der Polizei Hannover, die derzeit über 100.000 Fans gesammelt hat. "Man kann davon ausgehen: Wenn die Polizei Hannover etwas kommunizieren will, kann sie das sehr effizient tun", sagte Denef. Auch im Ausland haben Polizeibehörden positive Erfahrungen mit den neuen Medien gesammelt, wie zum Beispiel die Polizeibehörden in London und Manchester nach den gewalttätigen Unruhen im Sommer 2011.

Dass soziale Netzwerke nicht nur Mittel der Kommunikation sind, sondern auch als Datensteinbruch dienen können, legte Volker Neugebauer von Microsoft dar, der Big-Data-Projekte in mehreren Ländern betreut hat. Gerade Polizeibehörden könnten über die Analyse der Daten in sozialen Netzwerken Anhaltspunkte für ihre Arbeit finden. So habe eine Polizeibehörde mit Hilfe von Analysewerkzeugen aus dem Hause Microsoft Auffälligkeiten in einem Chatroom festgestellt, der sich eigentlich um Hardrock drehen sollte, in dem aber auffällig oft von Blumen gesprochen wurde. Nähere Nachforschungen ergaben demnach, dass die Blumennamen als Tarnbegriffe für den Tausch von kinderpornografischen Darstellungen dienten.

Screenshot der Präsentation von Roland Becker, Innenministerium Rheinland-Pfalz. So könnte eine behördenübergreifende Polizei-App aussehen, noch ist das allerdings Zukunftsmusik.

Neugebauer plauderte aus dem Nähkästchen, allerdings nicht zu viel. So habe ein ungenannter Staat mit Hilfe von Microsoft-Systemen dank der Analyse der Bewegungsprofile aller Mobiltelefone eines Landes die Identität eines Bombenattentäters festgestellt: Die Behörden hätten dazu überprüft, welche Mobiltelefone in der Nähe aller Anschlagsorte von den Mobilfunkanbietern geortet worden seien. Eine Überprüfung der Ergebnisse habe zum Täter geführt. Als die Ermittler mit Hilfe von Bewegungsmuster feststellen wollten, wer mit dem Attentäter kooperierte, seien sie jedoch auf eine falsche Spur gelangt: Die Auswertungsmodule fanden eine erstaunlich hohe Anzahl von Mobiltelefonen, die oft ähnliche Wege wie der Verdächtige wählten. Nach genauer Betrachtung stellte sich heraus, dass diese Personen lediglich den gleichen Zug auf dem Weg zur Arbeit benutzten.

Bei den Vertretern der Polizei stießen diese Ausführungen zwar auf Interesse – für konkrete Projekte sahen die Teilnehmer jedoch kaum Möglichkeiten: Zu groß ist der Aufwand für die Behörden und zu groß die Beschränkungen durch den deutschen Datenschutz. Das Konzept der Big Data basiert darauf, möglichst viele Daten abzuspeichern und erst anschließend nach Mustern zu suchen, mit denen man sie auswerten kann. Microsoft baut dafür auf eine Adaption der Open-Source-Software Hadoop, die durch eine Abstraktionsebene so aufbereitet wird, dass die Arbeit mit den Daten anderen Microsoft-Anwendungen ähnelt. Zudem verwaltet Microsoft einen Marktplatz, auf dem Datenbestände wie zum Beispiel Geodaten gehandelt werden müssen, um Analysen anzureichern. Daten derart nicht-zielgerichtet zu speichern und zu verwenden ist in Deutschland jedoch kaum möglich. So bedauerten mehrere Beamte in Köln, dass sie während ihrer Ermittlungen zum Beispiel nicht auf Daten aus dem Maut-System Toll Collect zugreifen können.

Während Microsoft im Ausland große Datenbestände ergründet, sind die Herausforderungen in Deutschland einer anderen Natur. So hat das Unternehmen in Baden-Württemberg seit 2007 das polizeiliche Dokumentemanagementsystem PolDMS entwickelt. Das System, das auf Microsoft Sharepoint basiert, befindet sich derzeit in der Pilotierungsphase, wird aber schon von mehr als 2000 Beschäftigten genutzt. Dabei sollen die Datenbestände, die bisher auf den Fileservern der Polizeibehörden lagen, mit den Datenbeständen in Outlook verbunden werden. Uwe Seidel, der beim Innenministerium Baden-Württemberg bis vor kurzem für das Projekt zuständig war, stellt dem System gute Noten aus, merkte jedoch auch den Aufwand an: "Wir haben uns mit Sharepoint alle drei Jahre eine Migration eingekauft."

Die Beamten bekommen sämtliche Dokumente zu einem Vorgang in einer elektronischen Umlaufmappe präsentiert. Über eine Erweiterung von Outlook können Inhalte aus dem Posteingang direkt den "E-Akten" zugeordnet werden. Mittlerweile gibt es auch einen Import-Assistenten für digitale Bilder, der die Dateien einerseits revisionssicher ablegt und eine auf 500 Kilobyte geschrumpfte Version in PolDMS integriert. Bisher hätten Beamte ihre Fotos teilweise händisch in Word-Dokumente integriert. Besonders zufrieden zeigte sich Seidel über den integrierten Datenschutz: Bei allen Dokumenten müssen die Beamten festlegen, wie lange die Daten im System gespeichert bleiben sollen. Auf der Übersichtsseite bekommt er danach die zur Löschung fälligen Daten angezeigt, die er dann noch einmal sichten kann.

Während Microsoft den Polizisten in Köln Tablets mit Windows 8 als ultimatives Arbeitsgerät für den mobilen Einsatz präsentierte, sind Smartphones im deutschen Polizeialltag noch lange nicht eingekehrt. Zwar setzt zum Beispiel die Bundespolizei Mobilgeräte wie das Panasonic Toughbook CF-U1 auf Windows-Basis ein, mit dem Beamte schnell Personalausweise erfassen können. Dies ist jedoch eher die Ausnahme. Die Geräte im Einsatz müssen meist noch mit winzigen Tastaturen bedient werden, Touchscreens im Polizeieinsatz sind noch Zukunftsmusik. Die Polizei in Nordrhein-Westfalen hat derzeit einen Pilotversuch gestartet, inwieweit iPhone und iPad in den Polizeieinsatz integriert werden können. Aus Sicherheitsgründen ist der Import von Daten über WLAN oder Mobilfunk schwer möglich, die zugelassenen Verfahren basieren bis heute auf ActiveSync.

Bei den polizeilichen Anwendungen ist es auch immer wichtig, wer das System betreibt und welche Behörde wie viel zur Finanzierung beitragen muss. Roland Becker vom Innenministerium Rheinland-Pfalz stellte die Wissensmanagement-Software Extrapol vor, die bereits seit 2001 im Einsatz ist und immer weiter ausgebaut wurde. In dem System können Beamte bundesweit allgemein Informationen nachlesen. So hatte eine Gruppe aus zirka 200 Beamten in einem "Wiki-TKÜ" Details zu Speicherfristen verschiedener Telekommunikationsanbieter gesammelt. Im nächsten Schritt sollen Community-Funktionen für 6000 Beamte freigeschaltet werden, die dann die Informationen kommentieren und bewerten können.

Nachdem das System zuerst auf virtualisierte Rechner migriert wurde, wird es nun in eine "Polizei-Cloud" überführt. Die Behörden versprechen sich dadurch eine bessere Auslastung der eingesetzten Hardware – während die CPU-Auslastung in einem Teilsystem vorher im Schnitt unter 5 Prozent lag, konnte diese Rate in Tests mit der Cloud auf 30 Prozent gesteigert werden. In die Polizei-Cloud sollen weitere Anwendungen wie PolDMS integriert werden. Gleichzeitig sollen Systeme wie Intrapol angeglichen werden, so dass die Beamten nicht zwischen unterschiedlichen Plattformen und Oberflächen wechseln müssen. Sollten Leistungsspitzen auftreten – können Behörden eine spezielle "Boost"-Funktion aktivieren, um mehr Ressourcen zu bekommen.

Letztlich sollen immer mehr Dienste in die Polizei-Cloud integriert werden – auch öffentliche Informationen wie Facebook-Seiten könnten von dem System gespeist werden. Um dies zu bewältigen, überlegen die Innenministerien, ob sie eine Anbindung für externe Cloud-Anbieter schaffen, um bei Bedarf mehr Ressourcen kurzfristig abrufen zu können. Hier empfahl Microsoft seine Plattform Azure und seine Rechenzentren in Dublin und Amsterdam, die bereits von mehreren Bundesbehörden wie der Bundeswehr genutzt würden.

Eine größere Integration der Polizei-Systeme könnte auch ermöglichen, den Bürgern eine einheitliche Plattform zu bieten. So sind heute unter Polizei.de keine Inhalte, sondern nur Links zu den verschiedenen Polizeibehörden zu finden. Becker würde gerne diesen Zustand abschaffen und für die Bürger eine gemeinsame Plattform schaffen, die dann beispielsweise auch für die Erstellung einer übergreifenden Polizei-App genutzt werden könnte.

Doch nicht nur Datenbanken- und Büroanwendungen aus dem Hause Microsoft sind interessant für Polizeibehörden. Die Ausbildungszenten der Polizei haben gerade die Bewegungssteuerung Kinect lieb gewonnen, die ursprünglich für die Spielekonsole Kinect entwickelt worden war. In Köln präsentierte die baden-württembergische Polizei eine Anwendung, mit der Polzisten die korrekten Gesten zur Regelung des Verkehrs üben können. Die Spieler müssen dabei einen Polizeibus korrekt einweisen. Die Polizeien würden das System gerne ausbauen um damit beispielsweise auch Schießtraining zu ermöglichen, doch dazu müssen die Systeme die Bewegungen von Personen noch genauer erfassen können. (anw)